Angst im Sattel

Weiche Knie und feuchte Hände – wenn die Angst mitreitet

Manchmal ist der Reiter im Sattel nicht allein. Aber es ist kein freundlicher Schutzengel, der auf seiner Schulter und darauf achtet, dass alles klappt. Nein, hier reitet die Angst mit, sorgt für feuchte Hände, weiche Knie, ein flaues Gefühl in der Magengegend und trübt das Reitvergnügen. Meist verabschiedet sich der unerwünschte Mitreiter bald wieder, manchmal aber quartiert er sich auf Dauer ein. Irgendwann sitzt er fester im Sattel als der Reiter selbst – was tun?

So unangenehm dieses Gefühl ist, ohne Angst geht es leider nicht. Evolutionsgeschichtlich hat sich die Angst entwickelt, um in Gefahrensituationen eine schnelle Reaktion des Organismus einzuleiten. Überschreiten bestimmte Reize eine Schwelle, so werden im Körper Automatismen aktiv, die als Vorbereitung auf Flucht oder Verteidigung gedeutet werden können: Das Herz schlägt schneller, Ballast wird abgeworfen (daher der Drang aufs stille Örtchen), die Aufmerksamkeit des Lebewesens erhöht sich, die Muskelspannung nimmt zu.

Angst rettet LebenEs herrscht Alarmstufe Rot! Mutter Natur hat sich eine wirklich sehr effektive Überlebenshilfe ausgedacht, die mit relativ geringem Aufwand sehr schnell eine maximale Wirkung erzielt. Die langfristigen Überlebenschancen eines Lebewesens, das bei Gefahr Angst empfindet, sehen besser aus als die des Kollegen, der in gefährlichen Situationen in Ruhe abwartet, bis sein Kopf schon im Schlund des Säbelzahntigers steckt ... Jetzt müsste man doch vielleicht etwas unternehmen. Zu spät? Dumm gelaufen!Die Sache hat aber nicht nur einen, sondern gleich mehrere Haken. Gerade weil Angst ein so effektives Werkzeug des Überlebens ist, hat Mutter Natur die Schwelle für auslösende Reize sehr tief angelegt. Es braucht also nicht viel, um dieses Gefühl und die damit verbundenen körperlichen Reaktionen und mentalen Vorgänge in Gang zu setzen, der Organismus reagiert schon bei geringen Anlässen. Es gibt auch keinen Zensor, der verbindlich entscheidet, wo sich Angst „lohnt“ und wo nicht. Viele Menschen entwickeln massive Ängste vor Objekten oder Situationen die, realistisch betrachtet, völlig ungefährlich sind. Obwohl diesen Menschen oft bewusst ist, dass ihre Angst eigentlich unbegründet ist, hilft diese Einsicht nicht oder kaum beim Kampf gegen die quälenden Gefühle.

Nicht zu unterschätzen: Angst vor der AngstEs kommt auch vor, dass sich die Angst quasi verselbständigt: Es entsteht Angst vor der Angst. Natürlich sind auch ganz normale, individuelle Unterschiede zu beobachten, weil manche Menschen von Natur aus ängstlicher sind als andere. Nicht zuletzt sind es selbstverständlich auch persönliche Erfahrungen oder auch individuelles Wissen, die den einen erzittern lassen, wo der andere ungerührt bleibt.

Angst macht das Leben schwerAngst ist also ein universelles Gefühl, das wir selbstverständlich auch mit unseren Pferden teilen; die individuellen Unterschiede aber sind sehr groß. Nicht selten lässt sich beobachten, das dieses eigentlich nützliche Gefühl genau das Gegenteil dessen macht, wofür es zuständig ist: Statt unser Leben zu schützen und im Ernstfall zu retten, wird es zur Belastung. Es tritt scheinbar ohne Zusammenhang mit einer realen Gefahr auf, verselbständigt sich, wird übermächtig. Diese Angsterkrankungen sind behandlungsbedürftig und zum Glück auch heilbar.Nicht ganz so dramatisch erscheinen uns Ängste im Zusammenhang mit dem Reitsport und doch gibt es viele Fälle, wo wir oder unsere Reitkollegen mehr oder weniger offen unter Ängsten leiden, die irgendwie im Zusammenhang mit dem geliebten Pferd, dem bevorzugten Hobby stehen. Die häufigsten Formen und ihre Ursachen sehen ungefähr so aus:

- Angst kann als Folge eines als traumatisch empfundenen Erlebnisses entstehen und dann immer wieder auftreten, wenn die aktuelle Situation Parallelen mit diesem Erlebnis aufweist. So kann etwa ein dramatischer Reitunfall im Gelände dazu führen, dass der Reiter zukünftig jeden Ausritt meidet oder sich zwar noch nach draußen traut, aber Blut und Wasser dabei schwitzt. Ein durchgehendes Pferd vermittelt dem Reiter ein Gefühl von Ohnmacht und erzeugt oft große Angst, auch ohne dass es infolge des Durchgehens zu einem Unfall oder anderen, greifbaren Schrecknissen kam. Leicht möglich, dass der Reiter nun jeden Galopp meidet wie die Pest, ob in der sicheren Halle oder draußen. Nicht immer bleibt die Angst dabei an gut nachvollziehbare Auslöser gebunden, sie kann allmählich immer mehr Raum einnehmen, die Reizschwelle immer niedriger liegen.- Angst kann sich einstellen, wenn der Reiter sich überfordert fühlt. Ein fremdes Pferd, eine ungewohnte Situation, Druck von Eltern, Reitlehrern oder den Stallkollegen, ein Turnierstart oder eine Prüfung, vieles, was Stress auslöst, mündet in einem immer stärker werdenden Angstgefühl. - Angst im Zusammenhang mit dem Reitsport kann ein Teil einer umfassenden, allgemeinen Ängstlichkeit des Reiters bis hin zu einer Angststörung oder Panikstörung sein. Es hat dann im Prinzip nichts mit dem Reiten, dem Pferd an sich zu tun, tritt aber möglicherweise hier gehäuft oder besonders gut erkennbar auf, weil Reiten immer etwas mit Vertrauen zu tun hat. Nie haben wir ein Pferd wirklich unter Kontrolle, immer müssen wir ein großes Stück darauf vertrauen, dass seine Erziehung und Ausbildung und unser eigenes Wissen und Können ausreicht, um einen Zustand der Harmonie herzustellen. Für ängstliche Menschen eine besondere Herausforderung, schnell eine Überforderung!

Angst muss nicht seinImmer dann, wenn Angst ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr erfüllt und unser Leben erschwert, anstatt es zu schützen, ist Handeln angesagt. Ziel muss es sein, die Angst in Intensität und Dauer zu begrenzen, die Reizschwelle zur Auslösung zu erhöhen und wieder ein realistischeres Verhältnis zwischen Gefahr und Angst herzustellen. Der Umgang mit dem Pferd ist, auch wenn er zur Ursache für Ängste geworden ist, trotzdem oft besonders gut geeignet, genau hier anzusetzen.Was ist zu tun? Der erste Schritt muss natürlich in der Ursachenforschung liegen. Der Betroffene muss sich und vielleicht auch anderen gegenüber eingestehen, dass ein Angstproblem vorliegt. Dabei begibt man sich auf eine Gratwanderung: Widmet man der Angst zuviel Aufmerksamkeit, wirkt sich dies oft negativ aus. Die Angst wird größer, nicht kleiner, die Zuwendung und Hilfe der Anderen wird oft unbewusst zum Motor des ganzen Geschehens. Es muss eine Balance angestrebt werden, offene Gespräche und gründliche Selbsterkenntnis müssen in eine zielführende Aktivität münden, nicht in endlosem Kreisen um den eigenen Mittelpunkt verpuffen.Der zweite Schritt besteht in der Ursachenforschung: Woher rührt die Angst? Wann tritt sie gehäuft, wann weniger stark auf? Wovon wird sie begleitet? Wodurch wurde sie begrenzt, wodurch verstärkt? Nicht immer lassen sich greifbare Ursachen ausmachen, die Angst muss aber immer als reales Gefühl, nicht als Hirngespinst begriffen werden, auch wenn sie irreal erscheint. Oft leitet diese Beschäftigung eine erste Besserung ein: Werde ich aktiv, empfinde ich mich nicht länger ausschließlich als hilfloses Opfer meiner Angst. Ich habe es selbst in der Hand, in kann etwas tun. Ein völliges Löschen des Angstgefühls ist nicht die Lösung. Aber wie lässt sie sich wieder auf das Maß herunterfahren, wo sie ihre biologische Funktion auch erfüllen kann?

Angst, weg mit Dir!Echte Angsterkrankungen sind ein Fall für spezielle Therapien, hier kann die Arbeit mit dem Pferd nur begleitend helfen. Den unerwünschten Mitreiter bekommt man in jedem Fall nur durch eine konzertierte Aktion aus dem Sattel gehoben und für immer verbannt. Die folgenden Aspekte können dabei hilfreich sein:- Der Reiter sollte sich bewusst machen, dass er selbstbestimmt handelt. Es ist nicht unsere Aufgabe, den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Will der Reiter an seiner Angst arbeiten, muss dies sein eigener Entschluss sein. Alleine der feste Wille, etwas zu unternehmen, lässt das Selbstbewusstsein schon ein wenig anwachsen.- Der Reiter muss seine Angst in homöopathischen Dosen konfrontieren. Eine völlige Meidung angstbesetzter Situationen erscheint zwar als Ausweg, wird aber meist als Niederlage empfunden und ist deshalb langfristig nicht geeignet, die Situation zu verbessern. Teilt der Reiter den eingeschlagenen Weg in kleine Strecken ein, die ihn zwar an seine Grenzen führen, aber trotzdem machbar erscheinen, ist er immerhin unterwegs und wird dabei auch die Erfahrung machen, dass er seine Angstgefühle aushalten kann – ein ganz wichtiges Erlebnis und die beste Vorbeugung vor der „Angst vor der Angst“.- Der Reiter braucht zwei zuverlässige Partner, einen mit vier, einen mit zwei Beinen. Ein Reitlehrer oder mit Pferden arbeitender Therapeut leitet an, gibt Hilfestellung, unterstützt, treibt aber den Prozess auch voran. Ein wirklich in sich ruhendes und Ruhe ausstrahlendes Pferd als Partner gibt Sicherheit und setzt den alten Erfahrungen von Kontrollverlust und Misstrauen neue, positiv besetzte Erlebnisse entgegen.- Der Reiter macht neue Erfahrungen. Auf Umwegen geht es oft schneller, leichter und sicherer zum Ziel. Körperbetonte Bodenarbeit, Vertrauensübungen auf dem Rücken des Pferdes, Reiten auf einem Handpferd, viele Techniken bieten sich als Kompromisslösungen an, die dem Reiter wertvolle Erfahrungen vermitteln und ihm die Möglichkeit geben, an seinem Problem ohne Überforderung zu arbeiten. Oft verhelfen diese Erfahrungen auch zu einem verbesserten Selbstwertgefühl.- Der Reiter setzt neue Schwerpunkte. Nicht der reiterliche Erfolg, sondern das gegenseitige Vertrauen steht im Mittelpunkt. Hierzu kann auch manchmal sogar von dem Prinzip, den Reiter mit einem besonders zuverlässigen Pferd beritten zu machen, abgewichen werden. Oft findet der Reiter gerade im Umgang mit einem ängstlichen Partner Wege, besser mit der eigenen Angst umzugehen. Der Vierbeiner braucht einen starken Kumpel, da muss die eigene Befindlichkeit zurückstehen! Vertrauensübungen und spielerisches Arbeiten vom Boden aus stellen die gegenseitige Beziehung auf eine neue Basis und legen die Grundlage für vertrauensvolles Reiten.- Der Reiter geht seinen eigenen Weg. Dabei ist es wichtig, zu sich und den eigenen Grenzen zu stehen, sich aber in Zukunft nicht mehr von der Angst beherrschen zu lassen. Wer verlangt, dass man sich auf ein Pferd setzt, dem man nicht vertraut? Wenn ich nie wieder galoppieren, was soll schon passieren? Hinterfragen Sie angstbesetzte Anforderungen von außen und bleiben Sie sich treu. Wenn Andere mehr oder Anderes von Ihnen erwarten, ist das deren Problem, nicht Ihres.

Stress lass nachStress muss auf ein Mindestmaß reduziert werden. Dies gelingt über körperliche Anstrengung und über Entspannungstechniken. Entspannung hat eine körperliche, eine emotional-seelische und eine geistige Komponente. Sie ist nicht zwangsläufig mit äußerer und innerer Ruhe verknüpft, kann sogar aus körperlicher Anstrengung resultieren - Jogger etwa kennen diesen Zusammenhang zwischen körperlicher Leistung und innerer Entspannung nur zu gut. Das Gefühl innerer Ruhe, das sich bei und nach körperlichen Anstrengungen einstellt hängt auch damit zusammen, dass wir nun ein Ventil für all den angestauten Stress gefunden haben. Die Alarmbereitschaft des Körpers hat sich aufgelöst, Stresshormone wurden abgebaut; Sport ist durchaus ein Äquivalent zu Kampf und Flucht und somit „weiß“ der Körper nun, dass auf den Alarm eine Reaktion erfolgte und alles wieder in Ordnung ist. Keine festen Ziele, keine Zeitvorgaben, keine Anforderungen an das Pferd, die über den Grundgehorsam hinausgehen – so sieht ein entspannter und entspannender Ritt aus. Vertrauen Sie darauf, dass Ihr Gefühl Sie leiten wird; lassen Sie los. Stellen Sie sich schon vor dem Aufsitzen vor, wie Sie entspannt und glücklich mit einem ebenso entspannten und glücklichen Pferd zum Stall zurückkehren – „Visualisieren“ nennt man diese Technik. Reiten Sie Ihr Pferd besonders bewusst immer wieder in Dehnungshaltung, damit es sich entspannen kann. Diese Körperhaltung ist fürs Pferd eine Ruhehaltung, verknüpft oft mit Futteraufnahme und gemächlicher Fortbewegung („Weideschritt“). Im Unterschied dazu ist die aufgerichtete Haltung eine, die Pferde vorwiegend bei Unruhe, in der Fluchtbereitschaft einnehmen. Sie können also durch bewusstes Reiten in die Dehnungshaltung den Gemütszustand Ihres Pferdes bis zu einem gewissen Punkt auch beeinflussen und die Ruhe und Gelassenheit Ihres Pferdes wird sich auf Sie übertragen.Lösen Sie sich aus der Routine der Arbeit rund ums und mit dem Pferd. Halten Sie sich immer wieder innerlich kurz ein Stoppschild vor. Unterbrechen Sie, was Sie gerade tun und wenden sich intensiv Ihrem Pferd zu. Ein bisschen Kraulen unterm Schopf, beide Hände flach an den Hals legen, vielleicht die „Lieblingsstelle“ kurz krabbeln und bewusst tief atmen. Oft reichen solche kurzen Momente aus, um uns aus dem Strudel des Alltags zu lösen, um aufkeimende Angstgefühle im Keim zu ersticken. Und bald sitzen Sie wieder alleine im Sattel!Angelika Schmelzer