Artgerechte Fütterung

Moderne Dosiergeräte können Magen-Darm-Probleme und Koliken verhindern

Eine Kolik ist der Alptraum für jeden Pferdehalter. Auslöser der Symptome, die bis zum Kreislaufzusammenbruch reichen können, sind neben Stress in der Regel Bauchschmerzen, die meist vom Darm herrühren. Auch schmerzhafte Magengeschwüre sind bei Pferden weit verbreitet. Grund für diese Häufung von Verdauungsproblemen ist fast immer eine falsche Fütterung. Drei große Mahlzeiten pro Tag entsprechen nicht der Natur des Pferdes, das auf ständiges Fressen kleiner Mengen eingestellt ist. Eine Möglichkeit artgerecht zu füttern, sind spezialisierte Anlagen, die nach festem Zeitschema automatisiert mundgerechte Portionen von Kraft- und Raufutter abgeben. Das Pferd frisst auf diese Weise ganz natürlich und verwertet auch die Nahrung besser, während der Halter seine Zeit im Stall frei einteilen kann. „In gewisser Hinsicht ist das Pferd höher entwickelt als der Mensch“, erklärt Dr. Helmut Ende, Fachtierarzt und Autor mehrerer Bücher zur Pferdegesundheit. „Zum Beispiel hat es den perfekten Darmtrakt, der selbst aus wertloser Zellulose noch wertvolle Aminosäuren gewinnen kann.“ Diese Eigenschaft ist evolutionär bedingt: Als Steppenbewohner musste sich das Pferd darauf einstellen, auch aus trockenen Grashalmen genug Kraft zu beziehen, um Raubtieren entkommen zu können. „Damit das funktioniert, ist aber ein ständiger Durchfluss des Verdauungssystems mit Nahrungsbrei erforderlich“, so Ende. Das Pferd ist ein Dauerfresser, der den ganzen Tag grast, unterbrochen nur von kurzen Ruhepausen. Für den täglichen Stallablauf, in der Regel zwei- bis dreimal Füttern verteilt auf zirka 15 Stunden, ist das ein Problem, denn durch seinen relativ kleinen Magen kann das Pferd mit großen Futtermengen nicht umgehen. Die Leerlaufphasen zwischen den üblichen Fütterungen belasten das Verdauungssystem zusätzlich. Die Folge sind Magen-Darm-Krankheiten. „Koliken sind fast immer auf Störungen der Darmpassage zurückzuführen. Und diese werden wiederum meist von falscher Fütterung ausgelöst“, erläutert der Tierarzt „Auch hat jedes dritte Pferd Magengeschwüre, bei Tieren, die stark unter Stress stehen, wie Rennpferde, sind es fast 100 Prozent.“ Eine Hauptursache dafür sind die zu langen Fütterungsintervalle: Das Pferd bekommt in der Regel dreimal täglich einen relativ großen Futterberg in den Trog. Nachdem dieser gefressen wurde, setzt die Verdauung ein, bei der die Magensäfte auf die Nahrung einwirken. Allerdings endet die Produktion von Verdauungssekreten nicht, sobald das Futter den Magen verlassen hat. Die aggressiven Säfte wirken weiter auf die empfindlichen Magenwände ein. Fütterung über den Tag verteilen Ideal ist dagegen eine möglichst steppenähnliche Ernährung, also trockenes Raufutter ergänzt durch Kraftfutter über den ganzen Tag verteilt. Die Futterdosiergeräte, die von einem führenden Hersteller für automatisierte Fütterungsgeräte in Zusammenarbeit mit der Bundesforschungsanstalt entwickelt wurden, sind genau darauf ausgelegt. Die robusten Systeme basieren jeweils auf einer Zeitschaltung, die dem Pferd in mehreren Portionen kleine Futtermengen anbietet. Häufigkeit und Menge sind dabei über die Steuerung für jedes Pferd individuell einstellbar. „Bei den Kraftfutterdosiergeräten reicht beispielsweise eine Füllung pro Woche und das Pferd wird zwölf Mal am Tag automatisch versorgt“, erklärt der Entwickler des Systems, Wolfram Stendel. Dabei wird immer nur soviel abgegeben, wie das Pferd mit den Lippen fassen kann, wodurch Fressgier und Futterneid vermieden werden. Stattdessen kann die Nahrung in Ruhe gekaut und eingespeichelt werden, was die Verdauung erleichtert und die Aufnahme der Nährstoffe verbessert. „Dadurch kann über den Tag verteilt sogar weniger Futter gegeben werden, weil es besser verwertet wird“, so Ende. Auch fällt praktisch kein Material beim Fressen auf den Boden. Laut Untersuchungen lässt sich die Kraftfuttermenge damit um durchschnittlich 25 Prozent reduzieren, ohne dass es dem Pferd an etwas mangeln würde. „Zusammen mit der Arbeitserleichterung, dass man nicht mehrmals täglich von Hand füttern muss, ergibt sich eine Einsparung von rund 28 Euro pro Monat und Pferd“, rechnet Stendel vor. Hinzu kommt als entscheidender Faktor die völlige Zeitunabhängigkeit für den Halter, der seinen Tagesablauf nicht auf die Fütterung ausrichten muss. Ähnlich verhält es sich mit den Raufutterdosieranlagen. Diese werden mit Kleinballen oder losem Heu beziehungsweise Silage befüllt. In regelmäßigen Abständen öffnet sich dann am unteren Ende des Futterbehälters ein Schieber, durch den das Pferd das Heu herausziehen kann. Längsverstrebungen sorgen auch hier dafür, dass nur jeweils soviel entnommen werden kann, wie das Pferd mit den Lippen erreicht, wodurch ein ruhiges Fressen und sorgfältiges Kauen sichergestellt ist. So wird auch kein Heu zertrampelt oder hineingemistet. Nach überstandener Krankheit: Ernährung anpassen und Stress vermeiden Der Effekt der geräteunterstützten Fütterung in kleinen Portionen stellt sich in der Regel sehr schnell ein: Die Pferde sind entspannter und, weniger aufgebläht. Wie groß der Unterschied ist, zeigt sich auch darin, dass die Pferde jederzeit zum reiten aus dem Stall geholt werden können. Ein exaktes Einhalten von Fresszeiten und Futterruhezeiten ist nicht mehr erforderlich. Auch bei Pferden, die eine Kolik oder ein Magengeschwür überstanden haben, ist die Ernährungsumstellung ein sehr wichtiger Faktor. Vor allem nach einer Darm- oder Magenoperation sollten nur kleinste Mengen verfüttert werden. „Entscheidend ist nach einer Kolik die optimale Fütterung. Außerdem können je nach Auslöser der Symptome bestimmte Futterstoffe gegeben werden, um eine Wiederholung der Probleme in Zukunft zu vermeiden“, erklärt der Fachtierarzt. „Darüber hinaus gilt es besonders, Stress zu vermeiden. Pferde sind sehr konservativ und brauchen ihre gewohnten Abläufe.“ Bei Neigungen zu Krämpfen kann zudem eine Besonnungsanlage helfen. Das sonnengleiche Lichtspektrum wirkt – ebenso wie beim Menschen – auf Pferde entspannend und lockert die Muskeln. Stephan Behrens, Foto Weinsberger