Seuchenprophylaxe  Herpes, Druse und Co: Was hilft wirklich?
Seuchenprophylaxe Herpes, Druse und Co: Was hilft wirklich?

 Seuchenprophylaxe

Herpes, Druse und Co: Was hilft wirklich?

Immer wieder machen Schreckensmeldungen die Runde: In diesem oder jenem Reitstall ist eine ansteckende Krankheit ausgebrochen und hat sich von dort ausgebreitet. Reitställe werden gesperrt, Transporte sind nicht mehr möglich, Turniere müssen abgesagt werden, das reiterliche und züchterische Geschehen kommt zum Erliegen. Die wirtschaftlichen Schäden sind enorm, hinzu kommt der Imageschaden: Schnell, oft allzu schnell wird mit dem Finger anklagend auf den Pferdebetrieb gezeigt, von dem das Unheil (vermeintlich) seinen Ausgang nahm. Aber was steckt wirklich hinter diesen „Seuchenzügen“?

Alles verseucht?

Wo Pferde sind, da sind auch Keime, pathogene wie harmlose: Pilze, Viren, Bakterien und Parasiten halten sich in und um unsere Pferde auf und wir können nichts dagegen tun. Dies gilt im Grunde für die gesamte belebte Umwelt, gilt mit gewissen Einschränkungen auch für uns Menschen und, was vielen nicht bewusst ist, diese winzigen vermeintlichen Übeltäter sind unterm Strich eher nützlich als schädlich: Sie unterstützen die Verdauung, besetzen empfindliche Oberflächen und sperren so Schadkeime aus, halten das Immunsystem auf Trab. Trotzdem ist unbestritten, dass es unter ihnen auch gefährliche Krankheitserreger gibt.

Viren sind höchst interessante – ja, was eigentlich? Es sind infektiöse Partikel, die aber keine Lebensform darstellen, denn im Grunde „leben“ Viren nicht im biologischen Sinne, sie haben keinen eigenen Stoffwechsel. Außerhalb eines Wirtes – in diesem Zustand werden sie als „Virion“ bezeichnet – sind sie „tot“, innerhalb eines Wirtsorganismus „leihen“ sie sich den Stoffwechsel der Wirtszellen. Sie programmieren die Wirtszellen so um, dass diese in der Folge Virus-Bestandteile produziert. Im Grunde ist es für Viren nicht vorteilhaft, ihren Wirtsorganismus so zu schädigen, dass dieser stirbt – sie entzögen sich damit die eigene Lebensgrundlage. Gut an ihren Wirtsorganismus angepasste Viren sind deshalb relativ ungefährlich, bei anderen führt die durch die Infektion ausgelöste Entzündung im Körper des Wirtes zu Schäden, die sehr schwerwiegend sein können.

Bakterien dagegen sind „richtige“ Lebewesen, Einzeller mit eigenem Stoffwechsel und häufig auch Fähigkeiten, die über die der Viren weit hinausgehen, beispielsweise zur Eigenbewegung. Die meisten Bakterien sind harmlos oder gar nützlich, nur wenige lösen bakterielle Infektionserkrankungen aus. Aufgrund der Bedeutung von Bakterien als Kommensalen oder Symbionten (Bakterien interagieren mit anderen Organismen auf eine Art, die nicht schädlich und teilweise sogar nützlich für einen oder beide ist) ist es von großer Bedeutung, zwischen einer Besiedelung, einer Infektion und einer durch Bakterien ausgelösten Infektionserkrankung zu unterscheiden. Nur dann, wenn pathogene Keime in einen Organismus eindringen, sich dort vermehren und den Organismus schädigen, liegt eine Infektionskrankheit vor. In der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle verlaufen Kontakte mit Bakterien nämlich ohne nachteilige Folgen, ganz im Gegenteil: So unterstützen ganze Heerscharen von Mikroorgansimen die Verdauung im Darm, andere besiedeln zahlreich die Hautoberfläche und besetzen sie so lückenlos, dass Schadbakterien sich dort nicht ansiedeln können.

Schließlich treten auch Pilze als Krankheitserreger in Erscheinung. Dabei handelt es sich nicht um nahe Verwandte von Steinpilzen und Pfifferlingen, sondern um einfacher aufgebaute Organismen. Beim Pferd haben wir es fast ausschließlich mit Hautpilzerkrankungen zu tun, sogenannten Dermatophytosen. Verantwortlich sind Arten der Gattungen Microsporum und Trichophyton, weshalb man derartige Hautpilzerkrankungen dann auch jeweils als Mikrosporie oder Trichophytie bezeichnet. Pilze mögen es warm und feucht, besonders häufig treten deshalb Pilzinfektionen gegen Ende des Winters oder im zeitigen Frühjahr auf, wenn das dicke Winterfell unserer Pferde bei steigenden Temperaturen optimale Bedingungen bietet. Womit wir direkt bei der Frage wären: Wann und wieso wird aus dem bloßen Kontakt mit Viren, Bakterien oder Pilzen eine Erkrankung?

Freie Fahrt für Krankheitserreger

Krankheitserreger unterscheiden sich in ihrer Schadwirkung und ihrer Gefährlichkeit. Manche tun sich besonders leicht, in einem Organismus Fuß zu fassen und sich dort auszubreiten, andere haben es ein wenig schwerer. In sehr vielen Fällen aber reicht die bloße Anwesenheit eines Infektionserregers nicht aus, um eine Erkrankung auszulösen, es müssen weitere Faktoren hinzukommen.

Infektionserreger haben es besonders leicht, wenn

• das Immunsystem des Pferdes noch unerfahren, unausgereift ist, etwa bei Neugeborenen und Jungtieren,

• chronische Krankheiten, Fieber, Schmerzen oder hohes Alter den Organismus schwächen oder die Immunabwehr bereits mit der Bekämpfung einer anderen Infektion beschäftigt ist,

• lokale Lücken in der Abwehr einem Eindringling Tür und Tor öffnen, vielleicht infolge einer Verletzung, durch Störung des Säuremantels der Haut oder falsch verstandener Hygienemaßnahmen,

• das Pferd im Rahmen seiner Nutzung infolge Überlastung (zu hartes Training, zu häufige Einsätze in Wettbewerben ohne Erholungsphasen) oder anderer Stressfaktoren (häufige Transporte oder Stallwechsel) insgesamt belastet ist oder

• im Zusammenhang mit seiner Haltung, etwa durch Fütterungsfehler (Übergewicht, Wirkstoffdefizite), Haltungsfehler (bewegungsarme Aufstallung, mangelnde Witterungsreize) und/oder Managementfehler (zu große Fluktuation bei Gruppenhaltung, keine trockene Liegefläche, keine Rückzugsmöglichkeit) dauerhaft unter Stress steht,

• bestimmte Umweltbedingungen – vor allem die Witterung – das Wachstum von Infektionserregern begünstigen und schließlich

• kann ein Pferd unabsichtlich und indirekt infolge einer medizinischen Behandlung an einer Infektion erkranken, wenn etwa Antibiotika neben den Schadkeimen auch alle „Platzhalter“ wegfegen und sich infolgedessen nun Pilze ansiedeln können.

Während man ziemlich viel weiß über diese und manche andere „disponierende Faktoren“, also Bedingungen, die den Ausbruch einer Infektionserkrankung bei einem Pferd begünstigen können, lässt sich oft im Nachhinein nicht mehr genau herausfinden, warum es im Einzelfall bei dem einen Pferd zu einer Erkrankung kommt und beim Stallkollegen nicht.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern?

Gerne werden Infektionskrankheiten in einen direkten Zusammenhang mit mangelhafter Hygiene gestellt. Ob allerdings Hygiene überhaupt als Prophylaxe geeignet ist oder nicht, hängt vom jeweiligen Infektionsweg und von anderen Begleitfaktoren wie etwa der Eintrittspforte der Erreger ab. Es sind sogar Umstände denkbar, unter denen (übertriebene) Hygienemaßnahmen eine Infektion sogar begünstigen: Dann etwa, wenn damit die bereits erwähnte Schutzhülle aus gutartigen Hautkeimen mitsamt physiologischem PH-Wert vernichtet und einer Infektion mit pathogenen Keimen Tür und Tor geöffnet wird.

Trotzdem spielt natürlich eine angemessene Hygiene eine ganz wesentliche Rolle. Ihr Ziel ist nicht die Keimfreiheit, sondern der Schutz vor der Weiterverbreitung krankmachender Keime. Hygiene und andere flankierende Maßnahmen aber können nur dann greifen, wenn der Infektionsweg bekannt ist, an erster Stelle steht also immer eine gesicherte Diagnose. Hygienemaßnahmen spielen deshalb vor allem dann eine Rolle, wenn es um Infektionen geht, bei denen die Ansteckung durch direkten Kontakt von Pferd zu Pferd erfolgt, über infiziertes Material, Tröpfchen oder Körperflüssigkeiten – im Grunde also immer dann, wenn eine Trennung zwischen potentiell befallenem Organismus und Keim überhaupt möglich und erfolgversprechend ist.

Nicht nur sauber, sondern rein

Hygienemaßnahmen haben nicht zum Ziel, einen umschriebenen Bereich besonders sauber oder gar keimfrei zu halten, sondern sollen Infektionswege unterbrechen. Sie beziehen also auch erkrankte Pferde, gesunde, aber den Erreger tragende Stallkollegen, den Menschen, seine Arbeitsgeräte und eventuell andere relevante Gegenstände mit ein. Bei hoch ansteckenden Krankheiten wie Druse oder Herpes sind entsprechende Maßnahmen sehr umfassend und aufwändig, aber auch erfolgversprechend: Die Infektion kann eingedämmt und effektiv therapiert werden, die wirtschaftlichen Folgen sind somit überschaubar. Was ist zu tun?

• Ein guter Tierarzt sollte so schnell wie möglich hinzugezogen werden. Werden die Pferde eines Betriebes von verschiedenen Tierärzten behandelt, ist eine kontinuierliche Absprache der Kollegen zur Abstimmung untereinander zwingend notwendig. Einer etwaigen Melde- oder Anzeigepflicht wird umgehend nachgekommen.

• Umliegende Betriebe und eigene Kunden werden SELBSTVERSTÄNDLICH umgehend informiert, Transparenz nach innen und außen ist sehr wichtig, sie schafft Verständnis für einzuleitende Maßnahmen und schützt vor nachträglichen Anfeindungen, Vorwürfen oder gar Haftungsansprüchen.

• „Keiner rein, keiner raus“ heißt, der Betrieb wird faktisch „dicht gemacht“. Gesunde Pferde werden nur auf dem Gelände bewegt, Ausritte sind vorerst tabu, Turnierbesuche und Transporte sowieso. Neue Pferde werden nicht aufgenommen.

• Der Pferdebestand wird nicht nur in „gesund“ und „krank“ unterschieden, bei vielen Krankheiten muss auch damit gerechnet werden, dass sich unter den äußerlich gesunden Pferden Ausscheider befinden, also Pferde, die den Erreger in sich tragen, selbst nicht erkranken, aber den Keim weiter verbreiten (können). Wo dies möglich ist, sollten solche Pferde identifiziert werden. Außerdem muss geklärt werden, welche gesunden Pferde besonders gefährdet sind, da sie im relevanten Zeitraum Kontakt zu den erkrankten Pferden hatten. Alle nicht erkrankten Pferde werden kontinuierlich auf Symptome untersucht, einmal täglich wird die Körperinnentemperatur gemessen und festgehalten.

• Wo dies möglich ist, sollten zumindest die erkrankten Pferde räumlich wie organisatorisch vom gesunden Bestand getrennt werden: Anderer Stall, am besten sogar anderes Gebäude (getrennte Lufträume), außerdem keine Überschneidungen bei den Zuwegen, Gerätschaften zur Ver- und Entsorgung getrennt. Das Personal kümmert sich zuerst um die gesunden Pferde und wechselt dann zum kranken Bestand, nicht umgekehrt. Vor jedem Arbeitsdurchgang wird die Kleidung gewechselt, werden Gummistiefel desinfiziert, sodass die gesunden Pferde garantiert nicht durch anhaftende Keime infiziert werden können.

• In Absprache mit dem koordinierenden Tierarzt werden geeignete Desinfektionsmaßnahmen (Stallungen, Gerätschaften, Putzzeug, Satteldecken, Abschwitzdecken, Tröge und Tränken, …) durchgeführt.

Im Nachgang sollten, soweit möglich, alle Faktoren ermittelt werden, die zum Ausbruch der Krankheit führten und/oder deren Ausbreitung begünstigten. Mit geeigneten Maßnahmen kann dann versucht werden, derartiges in Zukunft zu verhindern – aus Schaden klug zu werden ist hier das Motto.

Einmal und nie wieder?

Neben einer ganz allgemeinen Optimierung der Haltungs-, Fütterungs- und Managementbedingungen sind drei Prophylaxemaßnahmen besonders erfolgversprechend:

• Impfungen schützen nicht nur das Pferd vor einer Infektionserkrankung, sondern auch seinen Besitzer vor wirtschaftlichem Schaden. Zudem scheiden geimpfte Pferde als Überträger aus. Impfungen sind vor allem in Betrieben mit hoher Fluktuation (häufige Turnierbesuche, Deckgeschäft, viele Kurse mit Teilnehmern aus anderen Betrieben, Ausbildungsställe, …) sehr zu empfehlen, auch wenn sie keinen vollständigen Schutz versprechen können.

• Eine Quarantäneschleuse sollte für alle Pferde verpflichtend sein, die neu in den Betrieb aufgenommen werden oder nach einem Außenaufenthalt (Urlaub, Turnier, Show, …) zurückkehren. Dies dient nicht nur dem Schutz der betriebseigenen Pferde vor etwaigen pathogenen Keimen, die eingebracht werden könnten, sondern bringt auch erhebliche Vorteile für die Quarantänepferde: Sie können sich in Ruhe neu oder wieder mit der stallspezifischen Flora, dem für jeden Stall typischen Mix aus nicht pathogenen Keimen auseinandersetzen.

• Vierbeinige Gäste (Kurse, eigene Veranstaltungen, Wanderreitgäste) werden hinsichtlich Unterbringung, aber auch im Stallmanagement komplett von betriebseigenen Pferden getrennt. Auch dies schützt beide Seiten!

Der Ausbruch von Herpes, Druse und anderen hoch ansteckenden Erkrankungen ist meist eng mit der Mobilität von Pferden verknüpft – entscheidend ist, dass die Krankheitserreger weitergegeben werden können. Wir werden wohl auch in Zukunft immer wieder mit dem Problem konfrontiert werden, dass es zu Ausbrüchen seuchenhafter Erkrankungen kommt; vielleicht aber können wir lernen, sie noch öfter im Vorfeld abzuwehren oder besser damit umzugehen.

Angelika Schmelzer