Der moderne Offenstall: pferdegerecht und komfortabel

Immer wieder wird das Thema Offenstall unter Pferdebesitzern jeder Couleur kontrovers diskutiert: Während es für die einen keine andere artgerechte Haltungsform gibt, kritisieren andere oftmals zu Recht die Schwachstellen dieses Stallkonzeptes.

Gerade unter Sportreitern halten sich hartnäckig die Vorurteile, wird ein Offenstall stets mit maroden Bretterbuden, vermatschten Ausläufen, unhygienischen Fütterungsmethoden, struppig-verdreckten Vierbeinern und unzureichendem Komfort für Pferd und Reiter assoziiert.Allerdings sieht die Praxis mittlerweile vielerorts ganz anders aus: Die seit Jahren kontinuierlich gewachsene Erfahrung hinsichtlich pferdegerechter Haltung und den Grundbedürfnissen der Spezies Pferd hat sich auch auf die praktische Umsetzung des Modells „Offenstall“ niedergeschlagen. Vielerorts gibt es immer mehr liebevoll geführte Offenstallanlagen, die gut durchdacht und praxisorientiert sowohl Pferden ein gepflegtes Zuhause bieten als auch die Bedürfnisse von Reitern und Pferdebesitzern dabei nicht außer Acht lassen.

Eigentlich ganz einfach: Was braucht ein Pferd?

Die natürlichen Haltungsansprüche eines Pferdes werden durch seine Grundbedürfnisse definiert. Diese sind: viel Bewegung an frischer Luft, permanente Sozialkontakte zu seinesgleichen, häufige Futteraufnahme in kleinen Mengen mit langen Fresszeiten in der Gruppe, aber auch Rückzugs- und Liegemöglichkeiten in ausreichender Menge, die mühelos auch für schwächere Herdenmitglieder zugänglich sind.Ein guter Offenstall berücksichtigt alle diese Aspekte. Und genau hier liegt die Krux: Nur ein entsprechend durchdachter Offenstall bietet den Vierbeinern ein gutes Zuhause und hält für Reiter und Pferdebesitzer den optimalen Komfort was die Nutzung des Pferdes angeht, bereit. Gerade der letzte Aspekt spielt hinsichtlich des Dienstleistungsgedanken moderner Pensionspferdebetriebe vermehrt eine entscheidende Rolle.

So muss z. B. gewährleistet sein, dass der Reiter jederzeit bequem über das Pferd „verfügen“ kann und das Herausholen des Pferdes aus der Gruppe ohne Schwierigkeiten von einer Person zu bewältigen ist. Ein Berufstätiger, der ohnehin zeitlich sehr beschränkt ist, möchte die wertvolle Zeit, die er mit seinem Vierbeiner teilen kann, nicht damit zubringen, sich eine Horde Pferdekumpels mühsam vom Hals zu halten, in dem er zahlreiche Litzen spannt, Umwege läuft und Tricks anwendet, um endlich die Anlage mit nur seinem Pferd verlassen zu können.Hört sich einfach und selbstverständlich an, ist es aber in der Praxis aufgrund der örtlichen Gegebenheiten häufig nicht. Auch die individuelle Fütterung spielt eine bedeutende Rolle: Viele Reiter glauben, es fände im Offenstall eine 0-8-15-Fütterung statt und befürchten, dass spezielle Futterzusätze, Kräuter oder Medikamente nicht an ihren Vierbeiner verteilt werden können. Hier gilt es, diese Vorurteile durch wachsenden Servicegedanken seitens der Stallbetreiber abzubauen.

Bewegung und Ordnung durch räumliche Trennung

Grundsätzlich unterteilt sich ein Offenstall in einen der Anzahl der Pferde entsprechenden Innenraum, in dem sich Schutz- und Liegebereich befinden, und eine daran anschließende, möglichst weiträumige Auslauffläche. Diese ist in der Regel pferdegerecht befestigt (ideal sind verschiedene Beläge, um die Huffunktion anzuregen), sicher eingezäunt und dient dem elementaren Bedürfnis des Pferdes, sich stets in Bewegung zu halten. Hierbei liegt der Vorteil, dass die Pferde sich durch den steten freien Auslauf entspannt fortbewegen, was zum einen den Organismus anregt, zum anderen das Nervenkostüm festigt. Offenstallpferde sind entsprechend weniger anfällig für Verletzungen im Training und zudem beweisen sie häufig auch eine wesentlich größere Nervenstärke als in der Box gehaltene Kollegen.

Ein wichtiges Merkmal für einen guten, funktionierenden Offenstall ist zunächst einmal die möglichst weiträumige Trennung der Fressbereiche: Raufutter ist im Idealfall rund um die Uhr verfügbar; meist können die Tiere sich an großen Raufen mit der Pferdezahl entsprechenden Fressplätzen bedienen. Das Kraftfutter wird woanders verabreicht. In kleineren Betrieben werden die Pferde häufig noch einzeln von Hand gefüttert – entweder angebunden mittels Futterkrippe oder mit Hilfe spezieller umgehängter Futtereimer/Futtersäcke -, während immer mehr Betriebe Fress-Stände mit davorliegenden Futtertischen bereithalten. Dort wird regelmäßig individuelles Kraft- bzw. Ergänzungsfutter verteilt. Auffällig ist, wie schnell die Pferde lernen: Zu den Fütterungszeiten begeben sie sich selbständig zu den Fress-Ständen, jeder sucht sich sein Plätzchen und wartet auf „seine“ persönliche Portion.Die Tränke ist in entsprechender Entfernung von den „Futterstellen“ installiert. Und da grünalgige Wannen und Bottiche im modernen Offenstall nichts zu suchen haben, steht entweder eine frostfreie Selbsttränke zur Verfügung, mittels Schwimmer-Einrichtung gespeiste Spezialwannen oder – noch etwas exotisch – die immer häufiger eingesetzten Balltränken, die sich auch im Ganzjahresbetrieb bewähren.

Ruhe und Frieden in den Hütten

Gerade Besitzer von rangniedrigen, zurückhaltenden Pferden fürchten, dass ihre Tiere im Offenstall nicht zurechtkommen. Hier ist in der Tat viel Fingerspitzengefühl bei der Zusammensetzung der Gruppe gefragt. Aber auch räumlich lässt sich einiges für das friedliche Zusammenleben tun. Wichtig ist, dass rangniedrige Tiere immer die Möglichkeit haben, den Herdenchefs aus dem Weg zu gehen. Bei kleineren Offenställen ist es deshalb wichtig, mindestens zwei Eingänge zum Liege- bzw. Ruhebereich zu haben. Spitze Winkel und enge Ecken, in die ein schwächeres Pferd getrieben werden könnte, sind sowohl im Auslauf- als auch im Stallbereich tabu. Ecken werden entsprechend abgerundet – so gelingt das Ausweichen. Der Liege- und Ruhebereich muss ausreichend groß sein. Pro Pferd sollten mindestens 6 qm zur Verfügung stehen. Raumteilende Elemente in diesem Bereich entschärfen die Situation zusätzlich. Der Liege- und Ruhebereich muss den Vierbeinern rund um die Uhr offenstehen. Bei ausreichend zur Verfügung stehender Fläche kann der überdachte Bereich nochmals unterteilt werden in einen Witterungsschutz und den eigentlichen Liegebereich, der sich durch einen entsprechend weicheren Bodenbelag auszeichnet. Hier hält der Handel mittlerweile eine Vielzahl guter Beläge bereit, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass die Pferde nicht nur bequem liegen und sicher aufstehen können, sondern dass auch große Mengen Einstreu gespart werden.

Auslauffläche großzügig bemessen

Auch der Paddock muss hinsichtlich seiner Größe Mindestanforderungen erfüllen: Pro Pferd rechnet man bei einer homogenen Gruppe von mindestens 50 qm. Je mobiler und inhomogener die Herde, desto mehr Fläche sollte zur Verfügung stehen. Wichtig ist, dass der Paddock ganzjährig zumindest in großen Teilen matschfrei ist. Klar ist: ein Paddockboden muss viel aushalten und zudem noch pflegeleicht sein, damit er täglich problemlos abgemistet, gerecht oder gekehrt werden kann. Stabile Bodengitterplatten und Kunststoffmatten erleichtert die Neuanlage oder Sanierung eines Paddocks. Zum Teil sind sie sogar ohne aufwendigen Unterbau verlegbar. Hier am falschen Ende zu sparen, ist nicht empfehlenswert. Gute Mattensysteme sind ihr Geld wert und halten viele Jahre lang den Beanspruchungen stand. Schön für die Pferde ist auch ein Teil Naturboden im Paddock, wo sie sich bei trockenem Wetter gerne hinlegen, und natürlich ein eigens mit Sand angelegter Wälzplatz. Je größer der Anteil an natürlichem Boden, desto größer ist auch der Anreiz, sich etwas schneller als nur im Schritt fortzubewegen und mit den Pferdekumpels zu spielen. In extremen Schlechtwetterzeiten kann man in Erwägung ziehen, den Naturboden-Bereich abzusperren und so eine Vermatschung weitgehend verhindern. Allerdings muss dann der befestigte Teil des Paddocks ausreichend groß, also mit mind. 50 qm pro Pferd, bemessen sein.Keinesfalls erfüllen betonierte oder komplett mit Verbundsteinen belegte Paddocks die Bedürfnisse der Pferde. Auch Sandböden eignen sich nur für kleinere Bereiche, da sie durch untergetretenen Kot schnell verschmutzen und eine zu große abrasive Wirkung auf das Hufhorn haben.Wenn die Sommerweide direkt an den Paddock angrenzt, ist das natürlich von großem Vorteil, vor allem in der Anweidephase und begrenzter Weidezeit.

Ordnung und Sauberkeit

Was die tägliche Betreuung des Offenstalls angeht, stellt er größere Ansprüche als die Boxenhaltung. Deshalb ist es auch ein Irrglaube, dass die monatliche Stallmiete dort erheblich günstiger sein müsse als für eine gemütliche Box. Die Wege sind länger, sowohl, was das Abmisten angeht als auch das Heranbringen von Heu und Stroh, Einstreu und Kraftfutter. Anspruchsvoller heißt hier nicht unbedingt aufwendiger, aber eine Offenstallanlage muss einfach gut durchdacht sein, damit die Arbeit leicht von der Hand geht. Wichtig: Gerätschaften wie Mistgabeln, Schubkarren und Besen gehören immer in einen eigens dafür angelegten Raum, keinesfalls sollten sie in irgendeiner, den Pferden zugänglichen Ecke „abgestellt“ (auch nicht mit Litze abgetrennt) werden. Zusätzlich zum eigentlichen Offenstall sollte also auch stets ein „Wirtschaftsraum“ vorhanden sein, wo Gerätschaften, evtl. Einstreu und Futter sicher gelagert werden können. Dieser wiederum muss gut zugänglich sein. Lange Wege verderben den Spaß an der pferdegerechten Haltungsform schnell. Ob eine Sattelkammer und/oder ein „Reiterstübchen“ in den Offenstall integriert werden muss, hängt von den örtlichen Gegebenheiten ab. Bei einem Stall, der „für sich“ steht, ist es sicherlich sinnvoll, solche Räumlichkeiten anzubauen. Ist der Offenstall an eine Reitanlage angeschlossen, erübrigt sich dies in den meisten Fällen.

Genau hinschauen

Wer einen Offenstall als Zuhause für sein Pferd sucht, sollte die Augen aufhalten und sich die Abläufe und örtlichen Voraussetzungen genau anschauen. Besonders wichtig ist der Sicherheitsaspekt: Wo Pferde in Gruppen unterwegs sind, sollten stabile Zäune stehen, keine „Müll- und Materialecken“ angelegt sein und die wesentlichen Aspekte pferdegerechter Haltung erfüllt sein. Nachfragen und mit dem Stallbetreiber reden, klärt über manches – auch Vorurteile und falsche Vorstellungen – auf.Wer sich mit dem Gedanken trägt, einen eigenen Offenstall anzulegen, sollte mit Bedacht und Zeit an die Planung gehen, um spätere Mängel in Bau und Ablauf möglichst auszuschließen. Mittlerweile bieten verschiedene Stallbauer fachlich kompetente Beratung an, wer sich nicht ganz sicher ist, sollte sich hier Rat einholen. Denn nichts ist ärgerlicher und teurer, als im Nachhinein an einer Anlage jahrelang „herumzudoktern“.In diesem Fall nämlich ist man wieder ganz schnell dort, wo die Vorurteile der Skeptiker anfangen: Bei windschiefen Bretteranbauten, vermatschten Ausläufen und entsprechend unzufriedenen Pferden und Menschen.Friederike Fritz, Foto: I. Sidon