Gelebte Horsemanship

Allround Patient „Pferd“?

Dies, lieber Leser, ist kein Leidensbericht eines gestressten Tierarztes oder überambitionierten Pferdepsychologen. Es ist eine Situationsbeschreibung über den sich verändernden Umgang mit Pferden im Zeitalter des Informationsüberflusses und der Versuch, Impulse für eine bessere Orientierung zwischen „zuviel“ und „zuwenig“ zu geben.

Wo ist sie hin, die Zeit, in der Pferd und Mensch eine einfache, aber gesunde Beziehung zueinander hatten? Oder gab es diese Zeiten etwa noch nie und es ist einfach nur schlimmer geworden? Sicher ist, dass sich die Informationsmöglichkeiten, sowie deren unendliche Menge dramatisch verändert haben und das Unterscheiden von Nützlichem und Unsinn immer schwieriger wird. Mit wachem Auge und Verstand kann man erkennen, dass sich die Pferdehaltung, deren Ausmaß und das Verhalten der Pferdebesitzer in vieler Hinsicht verändert. So wächst zum Beispiel der Beraterstab rund ums „Pony“ rasant. Nur ein Tierarzt und ein Schmied? Nein - damit ist es wohl nicht mehr getan. Osteo-Therapeuten, Physiotherapeuten, Chiropraktiker, Ernährungsberater, ein Barhufpfleger, ein Sattler, Hufschmied und Zahnarzt, Homöopathen und ein, nein lieber zwei Trainer und Bereiter stehen auf dem Plan. Es wird gegoogelt, besprochen, geposted, behandelt und Futter gependelt, was das Zeug hält. Das finale Glück ergänzt ein Facebook Account, damit man die schiere Masse des mühsam angeeigneten Halbwissens bequem und vom Sessel aus in irgendeiner Form verarbeiten oder gar verbreiten kann. Gefällt mir!?

Was ist pferd-gerecht?Na - zu welcher Gruppe gehören Sie? Zu denen, deren Hals gerade schwillt und die darüber nachdenken, lieber nicht weiter zu lesen oder startet bei Ihnen gerade das Kopfkino mit sich selbst als Hauptdarsteller? Zugegeben - klingt alles etwas bissig, aber jedes zweite Pferd wäre über eine Reduzierung des „Betüddelungs-Apparates“ und denen sich damit mindernden mentalen Strapazen wohl durchaus dankbar. Aber das ist nicht mehr so einfach. Die Pferde sind voll integriert in die menschlich motivierten Abläufe und müssen immer öfter als Versuchsobjekt für Hobby-Heiler oder Filter für Gefühlsschwankungen herhalten. Das kann ungeahnte Probleme verursachen. Eigentlich nämlich sind Pferde einfache Geschöpfe mit einfachen, aber für sie enorm wichtigen Bedürfnissen. Neben Wasser und Futter sowie medizinischer Versorgung sind auch mentale Bedürfnisse zu befriedigen. Sicherheit und Klarheit im Umgang miteinander, Maß und Timing sowie Respekt und Disziplin sollten eigentlich ganz oben auf der Liste stehen. An diese Stelle getreten sind Verniedlichung, Respektlosigkeiten oder auch der merkwürdige Trend, Pferde wie Kinder zu behandeln.Als Flucht- und Instinkt geleitetes Lebewesen, ausgestattet mit so vielen Muskeln, explosiver Kraft, zudem aber auch unglaublich sensibler Wahrnehmung, ist das Pferd denkbar ungeeignet, sich heute ohne Führung umsichtig, ruhig und entspannt in der ihm aufgezwängten Umgebung der Menschen zu bewegen. Wir haben das Pferd auserkoren, uns dienlich zu sein. Aber damit geht eine große Verantwortung einher. Ein Pferd ist kein Kuscheltier! Der Verstand des Pferdes, wenn man diesen Begriff so verwenden möchte, ist keineswegs darauf ausgelegt, sich permanent logischen oder teils massiv gefühlsgetriebenem Handeln und Umständen auszusetzen. Pferde reagieren - sie planen nicht. Sie zeigen sofort und unmissverständlich, was ihnen nicht passt oder wenn sie sich wohlfühlen. Nicht umsonst werden Pferde gerne für Kurse und Seminare, sowie Coachings zur Selbstfindung hergenommen. Sie sind so wunderbar ehrlich und reagieren unmittelbar auf kleinste Regungen, Körpersprache, Befindlichkeiten und Gefühle - ganz einfach und unbefangen.

Das Pferd ist kein Alltagstherapeut!Das Pferd ist aber kein Müllschlucker oder Dauer-Filter für mentale Berg- und Talfahrten, unklares Ranggefüge oder undeutliche Kommandosprache. Ein Pferd braucht Klarheit! Mental und physisch. Putziges Leckeri Verteilen in der einen und rüdes Nasehauen in der anderen Minute passen ebenso wenig zusammen, wie 20 Minuten lang einen Graben in den Hufschlag zu latschen, um dann plötzlich unter unmittelbarem Einsatz aller Hilfsmittel Leistung zu fordern. Geritten wird oft unter Erbringung absolut überflüssigen Einsatzes von Körper- und Muskelleistung sowie Equipment. Ausbinder, Gerte, Sporen, Maulsperren - damit sich das Pferd nur nicht zuviel oder unerwartet bewegt. Unwirkliche Kommandos vom Reitlehrer tun ihr Übriges. Realer BeratungsbedarfZu Unsicherheiten, eigenen oder fremdgesteuerten Ängsten und undeutlicher Kommandostruktur fügen wir noch die bereits beschriebene Menge an „Wissen“, Beratern und Meinungen hinzu und im Ergebnis entsteht tatsächlich und unstrittig eines: Beratungsbedarf! Wir konditionieren unsere Pferde mental fast in den Wahnsinn und kompensieren dann durch „Pflege“. Eine nur zu menschliche Eigenschaft, vor dem Hintergrund menschlicher Logik und alles natürlich nur mit den besten Absichten - aber ein Irrweg mit reichlichen Konsequenzen.Die Menge schier unerschöpflicher Infos und Ratschläge verursacht einen Overload, den man letztlich oft nicht mehr sinnvoll bewältigen kann. Und so erklärt sich wohl auch der steigende Bedarf an Beratung, Behandlung und Coaching. Im Wirrwarr von Begrifflichkeiten und Berufsbezeichnungen finden sich aber tatsächlich guter Rat und Hilfe.

Selbstkritik ist gefragtWichtig ist zunächst aber, ehrlich und auch selbstkritisch zu sein, um dann zielgerichtet Rat einzuholen. Das Vermischen zu vieler Ansätze und Ideen führt oft in die totale Ratlosigkeit und treibt kuriose Früchte. Die meisten von uns reiten in der Freizeit, zu ihrem Vergnügen, als Ausgleich oder als ambitioniertes Hobby. Wenn man sich aber anschaut, wie viele Menschen wieder und wieder total genervt und schweißgebadet vom Pferd steigen, wie umfangreich sich Probleme entwickeln, wohin sie auswuchern, in welcher Häufigkeit physische Blockaden, Muskel- und Gelenkprobleme und andere Zipperlein auftauchen und behandelt werden, dann stellt man ehrlicherweise fest: Ja - fast immer sind diese Dinge hausgemacht, sie können aber eigenständig nicht mehr aufgelöst werden.Das Pferd auf eine Informations- und Gefühlsachterbahn mitzunehmen wird unweigerlich Übel verursachen. Fast alle Blockaden oder Unlust, bestimmte Manöver oder Bewegungen auszuführen finden ihre Ursache ohnehin ausschließlich beim Reiter und seinen körperlichen und/oder mentalen Defiziten. Reinster Psychoterror ist oft die schiere Kommandoflut, der Pferde oft ausgesetzt sind und die es ihnen schlicht unmöglich macht, eine differenzierte Hilfe überhaupt zu erkennen, geschweige denn, sie pünktlich auszuführen. Viele Reiter leisten enormen körperlichen und mentalen Input, bekommen aber fast kein Feedback. Einfachheit, Leichtigkeit und Spaß bleiben dabei vollends auf der Strecke und Unzufriedenheit und Frust beherrschen den Ritt.

Einfach und klarWir sollten wieder etwas einfacher werden im Umgang mit dem Pferd, dafür aber klarer. In meinem Unterricht gehe ich dafür oft zunächst ganz weit zurück zu den einfachsten Dingen - auch bei erfahrenen Reitern. Sicherheit soll immer oberstes Gebot sein. Sicher reiten bedeutet aber in erster Linie, Verhalten und körperliche Funktion des Pferdes zu verstehen und sich selbst unter Kontrolle zu haben. Es bedeutet klare Signale zu senden, das Pferd nicht zu nötigen, raten zu müssen, was gemeint ist und sich seiner Rolle als SENDER und der des Pferdes als EMPFÄNGER immer und eindeutig bewusst zu sein. Pferde können nicht logisch denken und differenzieren. Empfangen sie keine Ruhe und Sicherheit, versetzen sie sich in einen Alarm-Modus und treffen im Zweifel eine gnadenlose Entscheidung.

Hilfe zur Selbsthilfe und gesunder MenschenverstandWir nennen das dann gerne „unerwünschtes Verhalten“ und disziplinieren es. Wann aber sind Sie deutlich, wann kann das Pferd Sie gut oder gar nicht verstehen? Woher kommen Blockaden und Bewegungseinschränkungen? Passen Beschlag und Sattel wirklich? Überlaste ich mein Pferd mental und physisch oder tut ihm wirklich etwas weh? Wie viel wovon suche ich wo und in welchem Zusammenhang?Aufgabe ist es, das Informations-Chaos zu filtern und zu differenzieren. Hilfe zur Selbsthilfe muss das Motto sein, nicht das Einverleiben in die Abhängigkeit vom Beraterstab. Tierarzt-Schmied-Physio-Zahnarzt-Osteo- herapeut-Sattler-Trainer in Personal-Union gibt es nicht. Dennoch wird der ambitionierte Freizeitreiter alle diese Leistungen irgendwann in Anspruch nehmen. Bereiten Sie sich in Ruhe auf alles vor, sortieren Sie aus und setzen Sie Prioritäten. Weniger ist dabei oft Mehr - und manchmal noch zu viel. Lars Schröder, www.pferdundich.com