Jungpferdeaufzucht - kein Buch mit sieben Siegeln

 

 

Früher war die Fohlenaufzucht den großen Gestüten mit ausreichend Weideflächen und entsprechenden Stallanlagen vorenthalten. Heute sieht das züchterische Geschehen völlig anders aus. Kleine Zucht mit häufig nur ein oder zwei Stuten überwiegen. Dementsprechend muss sich der Züchter, aber auch der frisch gebackene Fohlenbesitzer über die maßgebliche Aspekte der Aufzucht informieren.

Das Absetzen von der Mutterstute stellt einen großen Einschnitt in das Leben jedes Fohlens dar und sollte dementsprechend umsichtig und stressfrei geplant werden. Pferde leben nach einer ausgeprägten Rangordnung in festen Herdenverbänden und bei freilebenden Pferden besteht eine feste Bindung zur Mutter – vor allem bei Stutfohlen - oftmals über mehrere Jahre. Mit dem in der modernen Pferdehaltung üblichen Absetzen des Fohlens im Alter zwischen meist vier und sechs Monaten wird diese soziale Bindung unterbrochen. Für das Fohlen stellt diese Trennung immer eine besondere Belastung dar.

Artgerechte Sozialisierung ist wichtig

Besonders für Fohlen, die nicht mit gleichaltrigen Pferden in einer Stutenherde frühzeitig Kontakte zu anderen Pferden aufnehmen konnten, ist eine etwaige abrupte Trennung psychisch schwer zu verkraften. Hat das kleine Pferd jedoch schon über die ersten Lebensmonate gelernt, mit Artgenossen umzugehen, ist der Grundstein für eine pferdegerechte Sozialisierung gelegt. 

Nach dem Absetzen sollte das Fohlen die Möglichkeit haben, sich stressfrei in einer größeren, homogenen Gruppe möglichst gleichaltriger Pferde aufzuhalten. Großzügige Laufställe mit weitläufigem Außengelände, das viel freie Bewegung garantiert sind ideal, um sowohl die gesunde physische als auch psychische Entwicklung des Nachwuchses zu sichern. Auch in anderen Gruppen können Fohlen gesund heranwachsen, solange es soziale Kontakte pflegen kann und ausreichend Bewegung bekommt. Allerdings sollte auch hier für einigermaßen altersgerechte Gesellschaft gesorgt sein. Ein kleiner Hengst wird sich z. B. in einer Gruppe älterer Stuten sicherlich nicht sonderlich wohlfühlen.

Entwicklungsgerechte Fütterung

Da das Absetzen des Fohlens meist im Spätsommer erfolgt, muss der Futterzustand des jungen Pferdes besondere Berücksichtigung finden. Das Absetzen selbst sorgt häufig stressbedingt bereits für ein leichtes Wachstumsdefizit, hinzu kommen zum Herbst das verringerte Futterangebot auf den Weiden und der geringere Nährwert des Vorjahresheus. Meist kompensiert das Fohlen diesen Einschnitt mit einem enormen Wachstumsschub im Herbst, was durchaus die Entstehung DOB (Developmental Orthopedic Disease) begünstigen kann. Folgende Symptome sind typisch für DOB: Vergrößerungen oder gar Missbildungen der Gelenke, Knochen, Gelenkverbindungen und/oder Sehnenverkürzungen. Ein wachsames Auge ist deshalb in diesen Monaten sehr wichtig, um ungewollten Entwicklungen entsprechend begegnen zu können. Übrigens: Eine Fohlenschau bietet immer auch die Möglichkeit, das Fohlen von Fachleuten sorgsam begutachten zu lassen. Neben vielen anderen Vorteilen sollte jeder Züchter dankbar sein, wenn er im Rahmen einer Schau auf eventuelle Mängel, die in diesem Alter noch ausgeglichen werden können, aufmerksam gemacht wird.

Aufzuchtfutter anbieten

Um durch DOB entstandenen Problemen vorzubeugen, ist eine ausgewogene Fütterung von großer Bedeutung. Zu hohe Kraftfuttergaben und damit einhergehender Energie- und Kalorienüberschuss, verbunden nicht angepasster Mineralstoffzufuhr begünstigen das unerwünschte und unausgeglichene Wachstum. Viel Bewegung stärkt dagegen die Knochen und Sehnen und sorgt für eine ausgeglichene Psyche. Wichtig: Auch im Winter sollten Jungpferd überdurchschnittlich viel „Freigang“ haben, damit das für die Knochenentwicklung wichtige und UV-Licht- abhängige Vitamin D gebildet werden kann!

Schnelles Wachstum

Im ersten Jahr seines Lebens wächst das junge Pferd überproportional stark: Mit 12 Monaten hat es bereits 90 Prozent seiner Körpergröße erreicht. Deshalb können Fütterungsdefizite in dieser Zeit besonders große, z. T. lebenslange Auswirkungen haben. Die Fütterung sollte ausgewogen sein, damit das Fohlen möglichst kontinuierlich wächst. Auf eine hochwertige Eiweißversorgung ist zu achten, um das Fehlen der wertvollen Muttermilch zu kompensieren. Deshalb ist auch die ausreichende Versorgung mit Vitaminen der B-Gruppe und Lysin unabdingbar. Neben Weidegras und gutem Heu erfüllt im Handel zahlreich angebotenes Aufzuchtfutter diese Anforderungen. Vor allem in den Wintermonaten sichert hochwertiges, auf die speziellen Bedürfnisse des Absetzers abgestimmtes Kraftfutter neben uneingeschränkter Heufütterung das gesunde Wachstum und die Versorgung mit allen wichtigen Zusatzstoffen.

Das zweite Lebensjahr

Da mit einem Jahr der größte Teil des Wachstums abgeschlossen ist, stellen Jährlinge keine besonderen Ansprüche an die Fütterung. Das Jungpferd kann nun große Mengen Raufutter zu sich nehmen, der Bedarf an zusätzlichen Nährstoffen sinkt jedoch. Bei gutem Wiesenheu und ausreichend Weidegang sind wichtige Nahrungsbestandteile wie Protein, Phosphor und Calcium meist in ausreichender Menge vorhanden. Im Zweifelsfall können Mineralien und Vitamine über entsprechendes Zusatzfutter verabreicht werden. Besonders die Kraftfutterration muss nun genau abgestimmt werden, damit aus einem fitten kein fettes Jungpferd wird. Zuviel Speck auf den Pferderippen belastet den noch nicht ausgereiften Trageapparat des Pferdes und kann sogar auf die Entwicklung des Skeletts negative Auswirkungen haben. Ein erfahrener, verantwortungsvoller Züchter sieht seine Zöglinge in diesem Alter lieber etwas magerer als pummelig, und wer sich mit dem Kauf eines Jährlings beschäftigt, sollte darauf achten, dass das potentielle Traumpferd nicht kugelrund daher kommt. 

Zweijährige

In diesem Alter haben die Jungpferde das Größenwachstum weitgehend abgeschlossen und das Gewicht liegt bei 90 % des Endgewichts. Zu einem guten Grundfutter, sprich Heu, benötigen sie eigentlich nur noch wenig zusätzliche Futterkomponenten. Da im Lauf des dritten Lebensjahres jedoch bereits für viele Pferde das Training beginnt, muss die Grundversorgung je nach Belastung durch zusätzliche Kraftfuttergaben ergänzt werden. Aber auch und gerade für diese Pferde gilt: Alles unnötige Gewicht, auch Körperfett, belastet die noch nicht gänzlich ausgereiften Knochen und Gelenke. 

Um Aufschluss über die „Reife“ des Pferdes zu bekommen, kann untersucht werden, wie weit die Radiusepiphysenfuge (Wachstumsfuge des Unterarms) bereits geschlossen ist. Eine solche Untersuchung gibt zumindest Aufschluss, ob der Bewegungsapparat des Pferdes schon mit Belastungen durch das Training umgehen kann. In wieweit die psychische Reife gegeben ist, muss der verantwortliche Ausbilder sorgfältig von Fall zu Fall entscheiden.

Jeder, der sich mit Jungpferdeaufzucht beschäftigt, also nicht nur Züchter, sondern auch Besitzer und Trainer müssen sich über die Zusammenhänge zwischen Fütterung, Haltung und Trainingsbeginn im Klaren sein. Nur so können langfristige Schäden des Bewegungsapparates, aber auch der Psyche des Pferdes verhindert werden und aus dem Fohlen ein gesundes, leistungsbereites Reitpferd heranwachsen.

 

Was muss mein Fohlen können?

Während es auch heute noch Züchter gibt, die für totalen Wildwuchs in den ersten beiden Jahren plädieren, so genießen die meisten Fohlen bereits früh eine gewisse Grunderziehung. Aber auch Auswüchse sind an der Tagesordnung, wo falsch verstandene Tierliebe und Vermenschlichung ihre gefährlichen Blüten treiben. Bei aller Liebe zum Pferd im Allgemeinen und zum eigenen Folen im besonderen darf nicht vergessen werden, was die Grundbedürfnisse des Vierbeiners sind und wie sein Leben unter Artgenossen aussehen sollte.

Der Charakter eines Pferdes wird im Wesentlichen von den Elterntieren vererbt und in den ersten Lebensmonaten von der Mutter „erlernt“. So wundert es nicht, dass der Zögling einer schreckhaften Stute ebenfalls eher wachsam und vorsichtig seiner Umwelt gegenübertritt. Glaubt man Forschungen, so sind Entwicklungen des Gehirns, die mit Temperament und Charakter in Zusammenhang stehen, bereits nach 8 Monaten abgeschlossen. Dennoch lernt ein Pferd natürlich lebenslang und wird durch die Art und Weise seiner Erziehung entweder positiv oder negativ „programmiert“. 

Fohlen im Absetzalter lernen schnell und gut. Ihre naturgegebene Neugier sollte mit Hilfe positiver Verstärkung genutzt werden, um ihnen Dinge beizubringen, die lebenslang für den sicheren, angenehmen Umgang zwischen Mensch und Pferd wichtig sind. Dazu gehören:

Alleine bleiben

Dies kann und sollte bereits in frühem Alter „trainiert“ werden, etwa wenn die Mutterstute zunächst in Sichtweite angebunden steht, später dann für eine kurze Zeit oder einen Ausritt ganz aus dem Sichtfeld des Pferdekindes verschwindet. Das bereitet nicht nur ideal auf das Absetzen vor, sondern nimmt durch den Gewöhnungseffekt auch die Angst vor dem Alleinsein generell.

Halfter und Strick

Bereits im Alter von wenigen Tagen sollte das Fohlen an ein entsprechendes Fohlenhalfter gewöhnt werden. Später kommt dann ein Strick hinzu, und das Fohlen lernt behutsam ohne Druck, dass am anderen Ende der Mensch gegenhält.

Das Führen

Ohne Wenn und Aber: spätestens mit dem Absetzen muss das Fohlen halfterführig sein. Am besten wird dies geübt, solange es noch bei der Mutter ist. Wird diese vorneweg geführt, ist es relativ einfach, dem Fohlen beizubringen, ordentlich neben Mutter und Mensch her zu laufen. Niemals sollte zu starker Druck aufs Genick ausgeübt werden: zum einen erzeugt das nur Gegendruck bis hin zum Steigen, zum anderen ist das Genick des Fohlens noch sehr verletzungsempfindlich. 

Das Anbinden

Hat das Fohlen erst einmal das Führen gelernt, so ist das Anbinden der nächste Schritt. Auch hier ist wieder Umsicht und Fingerspitzengefühl gefragt: Um Panik und Stürze zu vermeiden, sollte stets ein erfahrenes Pferd zur Seite stehen, der Strick anfangs nicht fest gebunden sein und eine wirklich stabile Anbindemöglichkeit genutzt werden. Wichtig: Niemals darf das angebundene Pferd sich selbst überlassen werden! 

Beine hoch!

Da Hufpflege gerade für Fohlen kein Fremdwort bleiben sollte, ist es sinnvoll, schon früh jedes einzelne Bein anzuheben. Ein kurzer Moment reicht, damit das Fohlen lernt, sich auf drei Beinen auszubalancieren. Wenn es dann – angebunden oder frei – sicher steht, sollten die Hufe ausgekratzt werden, und auch der Schmied die Hufe nach eventuellen Fehlstellungen untersuchen.

Natürlich lernt ein „wild“ aufgewachsenes Weidefohlen diese Dinge auch später noch, meist sind diese Jungpferde sogar dem Menschen gegenüber respektvoller als so manch intensiv „betüddeltes“ Pferdekind, aber dafür dauert alles ein wenig länger. Überbeschäftigte Jungpferde machen sich meist durch unangenehme Aufdringlichkeit bemerkbar. Mangels Respekt vor dem Menschen knabbern sie alles an, was ihnen vor die Nüstern kommt; vor allem Hengstfohlen versuchen zu raufen und den Menschen zu bespringen und man hat das Gefühl, von einer lästigen Schmeißfliege geplagt zu werden. Was anfangs niedlich ist, wird schnell unangenehm und gefährlich. Deshalb: Wenn mit dem Fohlen „gearbeitet“ wird, dann verantwortungsbewusst und pferdegerecht. Jeder, der sich mit Fohlen beschäftigt, muss sich darüber im Klaren sein, wo dass er es mit einem Tier zu tun hat und dass Vermenschlichung alles andere als art- und tierschutzgerecht ist.

Positive Erfahrungen beim Lernen und im Umgang mit dem Menschen dagegen  schaffen nicht nur Vertrauen, sondern spiegeln sich auch im lebenslangen freundlichen und unkomplizierten Verhalten. 

Friederike Fritz