Kinesiologisches Pferdetaping – Gut geklebt, hält länger!

Kinesiologisches Pferdetaping – Gut geklebt, hält länger!

“Was hat denn dein Pferd da auf dem Po kleben?“, fragte mich meine Reitlehrerin in der Woche, nachdem ich mein erstes Tapingseminar besucht hatte. “Kinesiologisches Tape.” erwiderte ich wie selbstverständlich. Der fragende Blick und das ratlose Aha meiner Reitlehrerin sprach Bände und sie bekam natürlich eine ausführliche Erklärung von mir – wie zahllose andere Interessierten in den folgenden Jahren.

Ganz so unbekannt sind die bunten Streifen inzwischen nicht mehr, vor allem bei den olympischen Spielen diesen Sommer in Rio konnte man sie bei einigen Sportlern sehen und auch bei den vierbeinigen Sportlern sieht man sie immer häufiger (allerdings nicht während eines Wettkampfes). Dennoch ist vielen nicht klar, was es damit auf sich hat und was das Kinesiologische Tape bewirken kann und soll.

Erst einmal kurz zur Entstehung: Das Kinesiologische Tape wurde in den 80ziger Jahren von einem japanischen Chiropraktiker entwickelt. Er suchte nach einer Behandlungsmöglichkeit, die seine chiropraktischen Maßnahmen unterstützte und gleichzeitig Bewegung zuließ und sogar förderte. Zum damaligen Zeitpunkt hatte man schon getapet, aber immer mit sehr festem und unelastischen Material, was zwar das Gewebe stützte, aber keine Bewegung zuließ. Mit dem neuen Material war das nun anders. Den Beinamen “kinesiologisch” bekam es, weil in der Medizin die Kinesiologie die Lehre der Bewegung ist.

Was ist nun so speziell an dem Material? Es ist elastisch!!!! Das klingt im ersten Moment nicht weltbewegend, aber es hat den entscheidenden Vorteil, dass es mit der Haut/dem Fell in der Bewegung mitgehen kann und sich ausdehnen und wieder zusammen ziehen kann und dadurch nicht einschränkt. Noch dazu ist es aus einem sehr dünnen Baumwollmaterial gemacht und angenehm für die Haut. Der verwendete Acrylkleber ist latex- und medikamentenfrei, sehr gut verträglich und in einer ganz spezifischen Wellenform auf das Tape aufgebracht. Diese Wellenform, hat auch kleberfreie Zwischenräume, wodurch das Material luft- und wasserdurchlässig wird.

Die meisten Kinesiologischen Tapes, die man heutzutage kaufen kann, werden natürlich für den Humanbereich gefertigt. Man kann sie zwar auch bei Pferden benutzen, aber ihre Haftfähigkeit ist auf eine Hautoberfläche ausgerichtet und nicht für Patienten mit Fell gedacht. Natürlich kann man diese Tapes durchaus in der Behandlung von Tieren verwenden, aber sie lösen sich auch leider sehr schnell wieder ab. Die amerikanische Firma Equi-Tape ® und die Tierärztin Dr. Beverly Gordon haben sich bereits im Jahre 2005 als erste darum bemüht, ein Tape mit einer verbesserten Klebertechnologie speziell für Pferde zu entwickeln. Damit stand der Therapie von Tieren mit dem Kinesiologischen Tape nichts mehr im Wege.

Definitive wissenschaftliche Beweise über die Wirkung von Kinesiologischem Tape gibt es bis heute nicht so richtig und viele Kritiker behaupten, es handele sich um einen Placeboeffekt. Aber wenn dem so wäre, warum findet es dann immer mehr Verbreitung im Leistungssport sowie in der breiten Bevölkerung und im Veterinärbereich. Gerade dort kann man nicht vom Placeboeffekt reden, denn die Tiere wissen ja nicht, was ein Placebo ist und können dem Therapeuten auch nichts „vormachen“. Wenn man sieht, dass sie mit dem Kinesiologischen Tape besser laufen und/oder sich entspannen, dann hat das bunte Tape wohl offensichtlich doch eine Wirkung.

Die Theorie zu dieser Wirkung beruht auf einem einfachen physikalischen Gesetzt: Alles was gedehnt wird, will wieder in seine ungedehnte Ausgangsform zurück. Das bedeutet im Fall des Kinesiologischen Tapes, das dieses aufgrund seiner Elastizität mit leichter Dehnung auf die Haut/das Fell aufgebracht wird und dann bestrebt ist sich wieder zusammen zu ziehen. Dabei wird die darunter liegende Haut-/Fellschicht leicht angehoben, da das Gewebe ja irgendwo hin muss. Durch dieses “Anheben” entsteht mehr Platz im Gewebe darunter – Blut und Lymphflüssigkeit können besser fließen. Der Lymph- und Blutfluss wird durch diese minimale Spannung angeregt. Gleichzeitig nimmt das Tape auch Druck von den Schmerzrezeptoren und stimuliert die Nervenzellen und die Körperwahrnehmung. Und ja, das ganze funktioniert auch bei den vierbeinigen, fellbesetzten Patienten. Denn wenn man das Fell stimuliert, stimuliert man über die Haarwurzeln auch die Haut, die Unterhaut, die Faszien, die Muskulatur, und, und, und….

Je nachdem welche Gewebeschicht man behandeln will, welche Problematik sich einem stellt, gibt es unterschiedliche Tapinganlagen. Einige davon erfordern erfordern durchaus gute Anatomiekenntnisse und somit einen kompetenten Therapeuten, während andere auch vom Pferdebesitzer nach Anleitung eigenständig angewendet werden können. Zuerst genanntem gehört z.B. ein Muskeltaping, bei dem man auf jeden Fall wissen sollte, wo der Muskel genau liegt und wie er verläuft. Andere Anlagen, wie z.B. ein Narbentape können durchaus auch geklebt werden, wenn man in der Anatomie nicht so bewandert ist, da Narben ja doch meist sehr offensichtlich sind.

Die häufigsten Tapinganlagen sind: das Muskeltape, das Sehnentape, das Faszientape, das Narbentape, das Dekompressionstape, das Stabilisierungstape, das Hämatomtape und das Lymphtape. Bevor ich näher auf die einzelnen Anlage eingehe, möchte ich vorab noch auf zwei Dinge hinweisen. 1. Kinesiologisches Tape ist eine tolle Sache, aber es ist eine unterstützende Behandlungsform. Wie bereits anfangs erwähnt wurde es entwickelt als unterstützende Therapiemöglichkeit! Kinesiologisches Tape alleine hat durchaus eine Wirkung, aber am besten wirkt es in Kombination mit physiotherapeutischen Maßnahmen, wie z.B. Massage, Dehnungsübungen, Lymphdrainage, Narbenbehandlung etc.2. Es gibt kein Quarterhorse/Westernpferd-spezifisches Taping. Pferde sind anatomisch alle gleich konzipiert. Aufgrund dessen wie sie reiterlich eingesetzt werden, ergeben sich daraus manchmal spezifisch stärker entwickelte oder belastete Körperbereiche bzw. Muskulatur. So sieht ein Distanzpferd anders aus als ein Springpferd, ein Dressurpferd anders als ein Westernpferd usw. Insofern muss jedes Pferd individuell betrachtet werden, die betreffende Reitweise in Betracht gezogen werden und dann von Fall zu Fall entschieden werden, was das Pferd braucht und welche Tapinganlage am sinnvollsten ist.

Das Muskeltapekommt zum Einsatz bei verspannter oder schwacher Muskulatur. Je nachdem ob das Kinesiologische Tape mit dem Muskelverlauf oder gegen den Muskelverlauf aufgebracht wird, kann man die Muskulatur anregen oder entspannen. Insofern ist dies etwas was man lieber einem Therapeuten mit Tapingerfahrung überlassen sollte. Wie bereits oben erwähnt ist es in diesem Fall sehr wichtig sich mit der Muskulatur auszukennen und zu wissen wie die Muskeln verlaufen. Wenn man in die falsche Richtung tapet, hat man auch die falsche Wirkung.

Ein Sehnentapekann man sowohl zur Prävention, wie auch in der Rehabilitation nutzen. Leider kommt es jedoch meist erst zum Einsatz wenn der Sehnenschaden bereits da ist. Man kann es bei Zerrungen und Verletzungen der oberflächlichen und der tiefen Beugesehne verwenden und auch bei Fesselträgerproblemen. Bei dieser Tapinganlage wird der Fesselkopf und die Sehnen gestützt. Durch die zusätzliche Anregung des Blutflusses in diesem Bereich wird dort vermehrt Blut hingeführt und somit mehr Nährstoffe und Sauerstoffe, was das geschädigte Gewebe zur Heilung benötigt.

Das FaszientapeFaszien sind ein Teil des Bindegewebes und man erkennt immer mehr welch entscheidende Bedeutung sie im Körper haben. Sie verbinden alles und sind mit unzähligen Nerzenzellen durchzogen. Beim Faszientape versucht man, die verklebten und verspannten Faszien durch eine spezielle Technik der Tapinganlage wieder zu lockern und zu einer Reorganisation anzuregen.

Das Narbentape dient der Stimulierung des oftmals harten und unelastischen Narbengewebes. Wenn dieses Narbengewebe auch noch im Bereich eines Gelenkes liegt, kann es den Bewegungsradius einschränkten und sollte behandelt werden. Mit vielen kleinen Tapestreifen in unterschiedlichen Richtungen wird das Narbengewebe angeregt. Allerdings ist Narbengewebe sehr “stur” und diese Anlage muss oftmals über Monate wiederholt werden, bis der gewünschte Erfolg eintritt.

Das DekompressionstapeAlle Tapinganlagen haben, wie bereits zuvor beschrieben eine dekomprimierende Wirkung und nehmen Druck aus dem Gewebe. Beim Dekompressionstape ist diese Wirkung jedoch am größten und wird erzielt durch die Überlagerung von mehreren Tapestreifen. Dadurch potenziert sich der Effekt des “Anhebens” und es wird am meisten Platz im Gewebe geschaffen. Besonders oft wird diese Tapinganlage angewendet bei punktuell schmerzhaften und verspannten Arealen, wie z.B. Triggerpunkten oder auch im Bereich des Sakrums und der ISG-Gelenke.

Das Stabilisierungstape Es gibt vier funktionelle Bereiche im Pferdekörper, die mehr Belastung tragen als andere Bereiche: Genick, Übergang Hals- zu Brustwirbelsäule, Übergang Lendenwirbelsäule zu Sakrum und ISG-Gelenke. Es gibt Pferde die in diesen Bereichen immer wieder Beschwerden haben und in diesem Fall kommt ein Stabilisierungstape zur Anwendung. Es stützt das Gewebe im betroffenen Bereich. Leider liegt der Übergang Hals- zu Brustwirbelsäule so tief im Körper, unter den Schulterblättern, das er als einziger nicht sinnvoll getapet werden kann.

Das Lymph- und das Hämatomtape sind beide darauf ausgerichtet Flüssigkeit von einem gestauten Bereich wegzuleiten. Bei einem Lymphtape wird die versackte Lymphflüssigkeit in einem Bein in Richtung der Hauptlymphknoten gelenkt, um dort wieder resorbiert werden zu können. Bei einem Hämatomtape wird der Erguss in möglichst viele Richtungen in das umliegende Gewebe abgeleitet und verteilt, um die Schwellung zu reduzieren.

Zurück zu meiner Reitstunde vor vielen Jahren. Da mein Pferd einen sehr kurzen Rücken hat und zu einem Senkrücken neigt, steht das Sakrum leider sehr oft unter Spannung. Ich habe ihm damals ein Dekompressionstape über diese Region geklebt. Zusätzlich ein Muskeltape beidseits über die Hinterbackenmuskulatur zur Aktivierung der Hinterhand, damit er besser unter den Schwerpunkt tritt. Der Kommentar meiner Reitlehrerin nach der Reitstunde: “Was auch immer es mit diesem Tape auf sich hat, es scheint zu funktionieren. So schön locker, durchlässig und aktiv in der Hinterhand habe ich dein Pferd noch nie gesehen.”

Text&Fotos: Katja Bredlau-Morich