Sandra Pawlik absolviert die Ausbildung zur Osteopathisch geschulten Sattelanpasserin.
Sandra Pawlik absolviert die Ausbildung zur Osteopathisch geschulten Sattelanpasserin.

Vor einiger Zeit hat das QHJ in Zusammenarbeit mit der Fachschule für Osteopathische Therapien und Hartmut Schenck von Way out West einen Ausbildungsplatz zum Osteopathischen Sattelanpasser ausgeschrieben. Viele Bewerbungen wurden gesichtet und schließlich entschieden wir uns für Sandra Pawlik als „QHJ-Azubi“ für diesen Lehrgang. In lockerer Folge wird sie von ihren Erfahrungen mit diesem ganz besonderen Projekt berichten.

Was mich wohl beim ersten Kursblock zum „osteopathisch geschulten Sattelanpasser“ erwartet? In Schneverdingen, auf dem Hof des Fahrstalls Meyer, finden die sechs dreitägigen Kurse statt, in denen man sich zu dieser neuen Form von Sattelspezialist ausbilden lassen kann.

Das Ziel: Sattelexperten, die sich darüber hinaus auch mit der Anatomie und Biomechanik des Pferdes auskennen und als kompetente Vermittler zwischen Tierarzt Therapeut, Reiter und Sattler fungieren. Experten, die den Reiter darin unterstützen, die für ihn und sein Pferd individuell beste (satteltechnische) Lösung zu finden.

Neugierige Vorfreude stellt sich ein, während ich die letzten Kilometer nach Schneverdingen über die Landstraßen durch die Heide fahre.Osteopathisch geschulter Sattelanpasser – vielleicht genau das Mosaiksteinchen, das ich bisher vermisst habe als Verbindung zwischen mir als Reiter und Tierphysiotherapeut und dem Sattler?

Der passende Sattel – ein omnipräsentes und durch die Jahre auch immer trainingsbegleitendes Thema. Wie wohl die meisten aktiven Reiter hatte auch ich in den vielen Jahren mit meinen Pferden schon mehr als einmal Ärger mit nicht (mehr) gut passenden Sätteln. Schon mit meinem ersten Pferd musste ich, in den frühen Anfängen meiner eigenen Reiterei, eine kleine Odyssee absolvieren, bis wir einen wirklich gut passenden Sattel gefunden hatten. Schon damals war klar – nur mit guter fachkompetenter Beratung hat man eine reelle Chance auf einen passenden Sattel.

Seit ich als Tierphysiotherapeut arbeite hat sich der Fokus auf das Thema „Sattel und Ausrüstung“ bei mir noch einmal verstärkt.

Die Stimme aus dem Navi holt mich aus meinen Gedanken zurück, als ich das Ortschild „Schneverdingen OT Zahrensen“ passiere. Die großzügige Hofanlage mit mehreren Seminarräumen, überdachten Putzplätzen sowie Reithalle ist schnell gefunden. An jedem Platz des Schulungsraums liegen die Seminarunterlagen für uns bereit und auch die am frühen Morgen so wichtigen Heißgetränke stehen bereits parat –dann kann es ja losgehen. Pünktlich um 9 Uhr startet der erste Kurstag. Anatomische und biomechanische Grundlagen sind die Kernthemen des ersten Seminarblocks – Fachbegriffe büffeln also vorprogrammiert.

Max Welter ist unser Dozent für diesen ersten Kursblock, seines Zeichens Tierarzt und unser Fachmann für Anatomie und Biomechanik. Er begrüßt in einer sehr sympathischen Art die Seminarteilnehmer, die aus dem gesamten Bundesgebiet und den angrenzenden Niederlanden angereist sind, um sich zum osteopathisch geschulten Sattelanpasser ausbilden zu lassen. Nach der obligatorischen Vorstellungsrunde ist klar, wir sind eine bunt gemischte Truppe – neben Betreibern eigener Reitsportfachgeschäfte, Pferdetrainern und Teilnehmern mit tierphysiotherapeutischem und osteopathischem Hintergrund wollen sich auch engagierte Pferdebesitzer das nötige Wissen aneignen, um ihren Pferden zu einem passenden Sattel zu verhelfen.

Die Grundatmosphäre im Kurs ist entspannt aber konzentriert. Max Welter legt viel Wert darauf, dass jeder die zentralen anatomischen und biomechanischen Zusammenhänge am Pferd versteht und nachvollziehen kann. Verschiedene immer wieder in den Unterrichtsverlauf eingestreute kleine schriftliche Übungen und Praxiseinheiten lockern den Theorie-Input auf. Sie sollen das Gelernte festigen und im wahrsten Wortsinn die Anatomie „begreifbar“ machen. Die anatomischen Details des Skeletts werden mehrfach am Pferdemodell wiederholt, das Auffinden verschiedener oberflächlicher Muskeln und das Ertasten diverser Knochenpunkte – wichtiger Orientierungspositionen am Pferdekörper – trainiert. Auch das richtige Palpieren des Pferdes (= sanftes Ertasten der anatomischen Strukturen des Körpers) wird immer wieder geübt, damit unsere Hände ein erstes Gespür für die verschiedenen Gewebe am Pferdekörper entwickeln.

Mit den ersten wichtigen anatomischen Grundlagen bewaffnet gilt es daher schon im Lauf des Freitag-Vormittag, das neue Wissen vom anatomischen Modell in die Praxis zu übertragen. Eine kleine Trockenübung soll die Sensitivität unserer Hände schulen, bevor wir das erste Mal am Pferd „Hand anlegen: Es gilt ein einzelnes Mähnenhaar durch eine zunehmende Anzahl von Papierseiten hindurch mit den Fingerspitzen zu ertasten. Ganz schön kniffelig für ungeübte Finger. Umso erstaunlicher, durch wie viele Schichten hindurch man mit ein wenig Übung etwas so Dünnes wie ein Haar erfühlen kann…

So vorbereitet geht es das erste Mal „ans lebende Objekt“. Die braven Schulungspferde kennen die wiederkehrende Prozedur des „abgetastet Werdens“ schon und stehen entspannt und geduldig auf dem Hof während zahlreiche Hände Knochenvorsprünge ertasten und Muskeln erfühlen. Das bunt gemischte Pferdesortiment der Schule unterstützt uns beim Erlernen des fachmännischen „Befummelns“.

Ab Tag 2 stehen die Muskeln des Pferdes im Zentrum der Aufmerksamkeit. Zunächst werden die verschiedenen zentralen Muskeln des Schultergürtels erarbeitet, an Tag 3 sind dann die großen Bewegungsmuskeln der Hinterhand dran. Spannend erläutert unser Dozent die Funktion der besprochenen Muskeln im Pferdekörper: „Was passiert mit dem Pferdekörper wenn der Muskel nicht mehr störungsfrei funktioniert?“ Oder – „Woran erkenne ich, ob der Muskel normal arbeitet oder ob es Probleme im Bewegungsablauf gibt?“ So können sogenannte „Kennmuskeln“ wie z.B. M. trapezius und M. serratus ventralis im Bereich der Pferdeschulter „eine Geschichte erzählen“ und Auskunft darüber geben, wie es gerade um das Pferd steht. Dies gilt auch für die sog. „Hosenmuskulatur“ mit den großen Motoren der Hinterhand. Denn auch wenn der Sattel im ersten Moment nicht direkt mit der Hinterhand des Pferdes zusammenzuhängen scheint – er liegt ja viel weiter vorne auf dem Pferd – so finden sich auch hinten am Pferd wichtige Kennmuskeln mit großer Bedeutung in der Biomechanik des Pferdes.

Dass nicht optimales Equipment einen ungünstigen bis schädigenden Einfluss haben kann, ist keine wirkliche Neuigkeit. Dennoch wird die Relevanz in der Praxis oft deutlich unterschätzt. Dies zeigen auch verschiedene eingängige Beispiele unseres Dozenten zum Thema. So können unpassende Sättel und in die Muskeln drückende Longiergurte z.B. ganz erheblichen Einfluss auf die Funktion der Rumpf-tragenden Muskulatur haben. Besonders die empfindlichen distalen (=körperfernen) Vorhandstrukturen wie Fesselgelenk, Fesselträger oder Gleichbeine können so überlasten - Schmerzen und Lahmheiten sind die Folge. Je tiefer man in die Welt der anatomischen Kausalitäten eintaucht und die auf den Pferdekörper wirkenden biomechanischen Gesetzmäßigkeiten aufdröselt, umso nachvollziehbarer wird auch der Gedanke, dass ein unpassender Sattel z.B. durchaus auch zu einem ausgewachsenen Fesselträgerschaden beitragen kann.

Praktische Trainingstipps mit Bezug zur Biomechanik des Pferdes, wie man z.B. einen geärgerten Schultergürtel wieder fit bekommt und so im Idealfall sogar weitergehende Folgeschäden an den Gliedmaßen verhindert, runden den Input dieses Kursblocks ab. Mit reichlich Lernstoff und vielen Fachbegriffen im Gepäck endet am Sonntag ein sehr informatives Kurswochenende. Ich bin schon sehr gespannt was uns im zweiten Blockkurs Anatomie in einigen Wochen erwarten wird.

Text&Fotos: Sandra Pawlik