Praxis Weideauftrieb

 Praxistipps: Die grüne Weide:

Ja, wenn sie dann mal wirklich saftig grün wäre, im Idealfall den ganzen Sommer lang bis in den Herbst hinein. Die Realität sieht auf deutschen Wiesen meist anders aus.

Entweder tummeln sich viel zu viele Reitstallpferde auf viel zu kleinen Flächen „Kulturweide“ oder aber struppige Dauerfresser bewegen sich über bodennah abgegraste, verkrautete Wiesen, die von pferdlichen Hinterlassenschaften bedeckt sind und von denen sich der geneigte Betrachter kaum vorstellen kann, dass eine sinnvolle – und vor allem gesunde - Ernährung der Tier überhaupt möglich ist.

Das Thema Weidehaltung spaltet die Gemeinde der Pferdebesitzer: Während die einen klare Verfechter der ganztägigen Weidehaltung ohne jede Beifütterung als Nonplusultra erklären, sind es eher die Sportreiter, die dankend ablehnen, wenn es darum geht, ihren Vierbeiner ein möglichst naturbelassenes Leben im Sommer zu gönnen. Argumente wie „Grasbauch“ und „Triebigkeit“ lassen sich dabei in der Tat nicht von der Hand weisen und – mal abgesehen davon – ist es in Deutschland rein platztechnisch gar nicht möglich, alle Pferde mehrere Monate ganztägig auf Weiden und Wiesen zu halten. So ist jeder Pferdehalter auf gewisse Kompromisse angewiesen. Bestimmte Anforderungen an Sicherheit und ernährungsphysiologische Gesichtspunkte sollte jedoch jede Weide erfüllen.

Ausreichende Größe

Normalerweise rechnet man mit ungefähr einem Hektar Fläche pro Pferd, wenn das Pferd sich in den Weidemonaten ausschließlich von Weidegras ernährt. Um eine gute Qualität des Futtergrases zu gewährleisten, lohnt es sich, spezielle Grasmischungen für Pferdeweiden zu nutzen, sei es zur Neusaat oder auch zur Nachsaat. Diese Mischungen zeichnen sich durch fruktanarme Grassorten und wertvolle Kräuter aus und kommen so den für die Pferdehaltung erwünschten Magerwiesen am nächsten.Im Idealfall wird die Weide in zwei oder mehrere Abschnitte unterteilt, damit sich die Grasnarbe erholen und frisches Grün heranwachsen kann. Allerdings werden diese Flächen nur in Ausnahmefällen fernab von Ballungsgebieten zur Verfügung stehen. Die Realität sieht meist anders aus: Die meisten Pferde bekommen stundenweise Weidegang und werden entsprechend mit Heu und Kraftfutter zugefüttert.Bei kleineren Weiden kann eine Portionierung sinnvoll sein, d.h. jeden Tag wird ein kleiner Bereich frische Weide für die Pferde freigegeben, die dann stundenweise dort grasen können, die restliche Zeit jedoch auf Paddocks oder Trampelkoppeln verbringen.

Achtung giftig!

Jeder verantwortungsvolle Pferde Besitzer sollte sich grundlegend mit Giftpflanzen auskennen und dementsprechend prüfen, welche Pflanzen auf der Pferdeweide wachsen. Hahnenfuß, Fingerhut, Goldregen, Buchsbaum, Herbstzeitlose, Johanniskraut, Schierling, Schachtelhalm, Bärenschote oder Glockenblume und das sich immer stärker ausbreitende Jakobskreuzkraut können für Pferde gefährlich werden und zu Vergiftungen auf der Weide führen. Auch was außen um die Weide herum wächst, muss auf seine Verträglichkeit überprüft werden, da die Vierbeiner gerne auch mal den Kopf über den Zaun strecken und an angrenzenden Gehölzen knabbern. Gerade wenn die Pferde nicht dauerhaft frisches Grün zur Verfügung haben, fressen sie häufig gierig und ohne zu selektieren alles, was ihnen vor die Nüstern kommt. Also Augen auf und mögliche Giftpflanzen vor dem Weideauftrieb entfernen!

Auch eine Weide will gepflegt sein

Pferdeweiden sollten grundsätzlich regelmäßig abgemistet werden, da sich ansonsten Geilstellen bilden, die aufgrund ihrer Verkotung von den Pferden nicht mehr abgefressen werden. Dort wuchern unerwünschte Pflanzen und breiten sich aus, so dass das Nahrungsangebot für die Pferde kontinuierlich abnimmt. Abgesehen davon dämmt das regelmäßige „Abäppeln“ die Ausbreitung von Würmern ein und ist somit aktive Parasitenbekämpfung. Liegengebliebene Kothaufen und Geilstellen dagegen sind massive Brutstellen aller Arten von Würmern, die sich dann munter auf der Weide und später im Pferd ausbreiten können. Bei heißen, trockenen Temperaturen reicht wöchentliches Absammeln, während bei feucht-warmer Witterung alle zwei Tage abgesammelt werden sollte. Überständiges Gras und Nester mit nicht abgefressenen Pflanzen muss nach der Beweidung sorgfältig ausgemäht werden, um die Qualität der Weide langfristig zu erhalten.

Zaun Zeug

Ebenso wichtig wie der Bewuchs ist das, was um die Weide herum gebaut ist: Ein hütesicherer Weidezaun. Jahr für Jahr ereignen sich immer wieder schwere Unfälle mit ausgebrochenen Pferden, die bei entsprechender Umsicht und Gewissenhaftigkeit seitens der Pferdehalter nicht hätten passieren müssen. Ein Weidezaun muss ausreichend hoch, stabil und vor allem für das Fluchttier Pferd gut sichtbar sein. So empfiehlt es sich bei reinen Elektrozäunen besonders auf die Qualität der Pfosten zu achten. Kunststoffstäbe eignen sich in den meisten Fällen nur für Abtrennungen innerhalb eines stabileren Holzfestzaunes oder eines Elektrozaunes, der mit T-Pfosten aus Stahl bewehrt ist. Letztere lassen sich gut und stabil in jedem Boden verankern und bieten seitens der Anbieter zahlreiche Möglichkeiten, was die Eckkonstruktionen sowie verwendete Isolatoren angeht. Um eine gute Sichtbarkeit für die Pferde zu gewährleisten, sollte auf (Pferde-)Augenhöhe ein Breitband den oberen Abschluss des Zaunes bilden. Ein sicherer Zaun zeichnet sich weiterhin durch gute Leitfähigkeit der Litzen, Seile und Bänder aus. Je mehr elektrische Leiter (das sind die silbernen Fädchen, die eingewirkt sind) verarbeitet sind, desto besser die Leitfähigkeit. Das bedeutet gleichzeitig, dass auch wirklich ausreichend „Saft“ auf dem Zaun ist, um neugierige Pferdenasen davon abzuhalten, den Zaun auf seine Ausbruchsicherheit zu testen. Schwachstellen im Zaun sind immer die Verbindungen zwischen Leiterenden sowie Tore bzw. Torgriffe. Auf abenteuerliche Knotenkonstruktionen sollte man verzichten, denn die „rauben“ dem Zaun den Saft. Mittlerweile gibt es für alle Leiter passende Verbinder aus haltbaren Metalllegierungen, die die Leitfähigkeit des Zaunes sicherstellen. Sogar für Breitband sind leicht zu handhabende Klipp-Verbinder erhältlich, die zudem für ausreichende Spannung des Bandes sorgen. Wenn dann noch ein schlagkräftiges Weidezaungerät zum Einsatz kommt und – ganz wichtig – die Erdung ausreichend tief ist (die meisten Hersteller empfehlen zwei 1 Meter lange Erdungsstäbe), muss der Zaun nur noch regelmäßig kontrolliert, von Bewuchs befreit und die Batterie des Gerätesüberprüft werden.

Sommerweide rund um die Uhr

Pferde, die rund um die Uhr draußen sind, brauchen immer einen schattigen und geschützten Platz auf der Weide, um nicht zu sehr Sonne, Wind oder Unwettern ausgeliefert zu sein. Ein fester, schattiger Unterstand ist dabei ideal und dient den Pferden auch als Schutz vor aufdringlichen Fliegen, Bremsen oder Mücken im Hochsommer. Allerdings werden feste Unterstände vielerorts nicht genehmigt, so dass hier flexiblere Lösungen zum Einsatz kommen müssen. Aber der Markt hat bereits vor einigen Jahren reagiert und bietet neben den (z. T. auch genehmigungspflichtigen) mobilen Weidehütten viele Arten von Stallzelten auf Basis von Stahlpanels an, die flexibel auf- und abgebaut werden können und dennoch hervorragenden Schutz bieten.

Beifütterung ja oder nein?

Bei einer ausschließlichen Weideernährung kann es je nach Bewuchs schnell zu Vitamin- und Mineralstoffmangel kommen. Dies liegt daran, dass die Weiden heutzutage durch eine Überbewirtschaftung leider oft nicht mehr die gewünschte Qualität besitzen. Daher ist auch während der Weidesaison eine Beifütterung eines entsprechenden Mineralfutters ratsam. Da Pferde im Sommer vermehrt schwitzen und Gras an sich tendenziell natriumarm ist, sollte für jedes Pferd ein Salzleckstein zugänglich sein. Die absolute Ausnahme bilden Saugfohlen, die häufig zuviel an den Steinen lecken und mit Durchfall reagieren. Hier empfiehlt es sich, den Leckstein so hoch zu hängen, dass nur die erwachsenen Pferde ihn erreichen können.Steht nur stundenweise Weidegang zur Verfügung, wird entsprechend Raufutter zugefüttert. Bei guter Qualität und in Kombination mit einem entsprechenden Mineralfutter reicht dies als Ernährung für ein Pferd bei leichter Beanspruchung aus.

Gutes Trinkwasser auch auf der Weide

Auch wenn Gras als „Saftfutter“ gilt, so muss doch jedem Weidepferd ausreichend sauberes Trinkwasser zur Verfügung stehen. Ideal ist es, wenn eine Frischwasserleitung bis auf die Weide gelegt werden kann. Das Angebot an Selbsttränken für den Weidebetrieb ist groß und für jede Anforderung findet sich die passende Lösung. Sogar frostsichere Modelle sind erhältlich für den Weidebetrieb rund ums Jahr. Wenn es nicht möglich ist, die hofeigene Wasserversorgung bis auf die Weiden auszudehnen, bleiben moderne Weidefässer, die z. T. wärmeisoliert sind und allen Anforderungen an gutes Trinkwasser gerecht werden. Sie sollten entsprechend der Besatzgröße so ausgewählt werden, dass sie Wasser für einige Tage bevorraten. Zu alt sollte das Trinkwasser jedoch auch in den modernen Fässern nicht werden, sondern alle paar Tage frisch aufgefüllt werden.Verboten sind übrigens Tränkstellen an durch die Weide fließenden Gewässern. Das hat seinen guten Grund: Werden beispielsweise einige Kilometer flussabwärts Fischteiche mit dem Bachwasser gespeist, können von den Pferden verkotete Tränkstellen das Wasser mit Keimen belasten, die ganze Fischbestände gefährden. Ob es erlaubt ist, aus einem sauberen Bach mittels Pumpe Wasser zu entnehmen, um in sicherer Entfernung ein Tränkebecken zu speisen, sollte im Einzelfall mit der jeweiligen Gemeindeverwaltung geklärt werden.

Weideauftrieb

Auch bei sorgfältigem Anweiden ist es durchaus möglich und normal, dass die Pferde mit leichtem Durchfall bzw. breiigem Kot reagieren. Da Gras als Saftfutter zu 90 Prozent aus Wasser besteht, muss sich die Verdauung entsprechend umstellen. Die enthaltenen Nährstoffe sind leichter verfügbar als im Raufutter und zudem muss der Darm mit neuen Keimen klarkommen. Das dauert ein paar Tage und macht der Verdauung und der Darmflora entsprechend zu schaffen. In der Folge können die Schleimhäute für kurze Zeit das im Gras enthaltene Wasser nicht resorbieren, was eben zu Durchfällen führen kann. Bei empfindlichen Pferden können entsprechende Ergänzungsfuttermittel zu gefüttert werden, um die Futterumstellung möglichst verträglich zu gestalten.Friederike Fritz, Foto: K.-J. Guni