Ran ans Rind

 Angebote rund um die Riderarbeit

 

Es gibt mittlerweile viele Angebote, mit dem Pferd am Rind zu arbeiten – doch welche Methode ist die richtige und was sollte ich beachten? Ein Überblick inklusive einiger Trainingstipps. 

 

Ein Workshop ist eine der vielen Möglichkeiten, einen Einstieg in die Rinderdisziplinen zu wagen beziehungsweise die Arbeit mit seinem Pferd am Rind zu verbessern. Voraussetzungen dazu: Neben den Anfängern, die idealerweise von einem Trainer betreut werden, sind fortgeschrittene Reiter anwesend, die mit wechselseitigen Tipps unterstützend zur Seite stehen. Um die Kosten so gering wie möglich zu halten, sollten passende Rinder am Hof sein. 

Auf dieser Basis fand am 1. Mai ein Workshop auf dem Eliesenhof statt. Niko Kalaitzidis stellte seine Angus-Jungrinder zur Verfügung, der Verein ranchhorse.de übernahm die Organisation. Dieser Verein wurde 2002 mit dem Ziel gegründet, das Ranch-Reiten zu fördern, einige Mitglieder sind aktiv bei den Versatility Ranch Horse Wettbewerben dabei und waren bereits für die World Show in Houston qualifiziert. Ein Workshop bedeutet in erster Linie Erfahrungsaustausch. Bei der Arbeit mit Rindern müssen  beide – Pferd und Reiter – fortlaufend Erfahrungen sammeln. Nicht ohne Grund sind gute Rinderpferde etwas älter, häufig schon im zweistelligen Bereich. Sie haben gelernt, das Rind „zu lesen“, also vorauszuahnen, was dieses im nächsten Moment vorhat, wohin es laufen wird. Die Aufgabe des Reiters ist es, seinem Pferd eine gute Position zu verschaffen, doch er muss ebenso lernen, das Rind „zu lesen“. Im Training bedeutet das zum Beispiel das richtige, also je nach Ausbildungsstand von Reiter und Pferd her passende Rind herauszusuchen. 

Das beste Rind finden

Hier sind wir an dem Punkt angelangt, an dem wir die Pferde nach verschiedenen Kriterien unterscheiden müssen. Da ist zum Beispiel das junge Pferd, für das wir ein ruhiges Rind brauchen, das sich langsam bewegt, sich auf gar keinen Fall aggressiv benimmt (etwa auf das Pferd zugehen würde), sondern stets vom Pferd wegläuft, ohne dabei allerdings hektisch zu werden. Es sollte also genug „Leben“ haben, damit es sich bewegt, ohne dass die Helfer das Rind „anschubsen“ müssen oder gar der Reiter selber. Ein junges Pferd sollte niemals das Gefühl bekommen, dass es vom Rind „bedroht“ wird. Junge Pferde können überreagieren. Das geht vom Bocken über Hüpfen bis zum Steigen. Manchmal wollen sie auch mit dem Rind „spielen“ und vergessen ganz den Reiter oben drauf. Das ist alles nicht so schlimm – vorausgesetzt, man ist sattelfest! Die tägliche Arbeit, also der tägliche Rhythmus, hilft den Pferden, sich an die verschiedenen Situationen zu gewöhnen. Die akustischen und visuellen Eindrücke werden in aller Ruhe sortiert und prägen sich positiv ein. Irgendwann gehört alles rund ums Rind zum normalen Alltag dazu. Ein lauffreudiges Rind – nicht zu verwechseln mit einem in Panik geratenen Tier – ist also das ideale Rind für ein junges Pferd. 

Habe ich ein gutes, erfahrenes Pferd mit einem unerfahrenen Reiter im Sattel, wird ebenfalls ein Rind herausgesucht, das nicht so agil ist. So bekommt der Reiter erst mal die Sicherheit und ein Gefühl für die Abläufe, und zwar ohne dass dieser ängstlich und dann steif und unsicher auf dem Pferd sitzt. Nähern sich dann die Rinder dem Pferd, ist das bei einem älteren, gut ausgebildeten Pferd nicht so schlimm. Ist der Reiter gefestigter in seinem Sitz, fühlt sich insgesamt wohl, kann man auch mal die schnellen, flinken Rinder nehmen. 

Gruppendynamik im Workshop

Rund 20 Teilnehmer hatte dieser Workshop und konnte somit in drei Gruppen eingeteilt werden. In der ersten Gruppe waren die fortgeschrittenen Reiter beziehungsweise Pferde mit Erfahrung, denn Rinder sind naturgemäß am Anfang recht frisch und können manche Pferd-Reiter-Paarung herausfordern. In den fortgeschrittenen Gruppen geht es häufig darum, die Abläufe vom Absondern eines Rindes bis zum Finden und Halten der richtigen Position am Rind zu verbessern. In dieser Ausbildungsphase sollte das Pferd verstanden haben, dass es das Rind im Auge behalten muss, es zu verfolgen und bei ihm zu bleiben, solange der Reiter dies vorgibt. Man könnte jetzt von einem „kontrollierten Cowsense“ sprechen. Das Pferd lernt, dass es stoppen soll, wenn das Rind stoppt, und dann dreht, wenn das Rind dreht. Dies lernt es, indem es parallel zu einem Rind geht. Wenn dieses dreht, dreht das Pferd auf der Hinterhand mit um und geht daraufhin wieder parallel mit. Jetzt kann der Reiter alles das umsetzen, was er zum Beispiel an der Cutting-Maschine gelernt hat. Das „Kuhbein“, also das Reiterbein, das zum Rind zeigt, bekommt eine Bedeutung. Sollte das Pferd Richtung Rind drücken, wird das „Kuhbein“ aktiv vom Reiter eingesetzt und drückt das Pferd weg vom Rind, um weiter in einem angemessenen Abstand parallel zu diesem zu bleiben! Sobald das Pferd selbstständig anfängt zu drehen, kann der Reiter anfangen, sein Pferd zu positionieren. Positionierung bedeutet, dass der Reiter erst parallel zum Rind reitet und dann dieses überholt – meist nur eine Pferdenase lang –, mit dem Ergebnis, dass das Rind stoppt. Daraufhin hält der Reiter sein Pferd an und nimmt es möglichst einen Tritt rückwärts. Wenn das Rind gestoppt hat, kann man davon ausgehen, dass das Pferd auch stehen bleibt, wenn auch nur kurze Zeit nach dem Rückwärts. Der Reiter lässt sein Pferd verharren und das Rind anschauen. So lernt das Pferd schnell, sich auf ein Rind zu konzentrieren, und es wird versuchen, selbständig an diesem „dran“ zu bleiben. Häufig werden Reiter ungeduldig, weil sie Angst haben, sie verlieren das Rind. Aber ein Rind geht nicht verloren, es ist „nur woanders“ – wie Ute Holm gerne ihren Schülern sagt. Im Ranchhorse-Workshop kommt weder Hektik noch Stress auf, es geht in erster Linie nicht um das Ergebnis (wie auf einem Turnier), sondern um das Trainieren verschiedener Abläufe. Am wichtigsten ist ohnehin, dass alles in Ruhe passiert. Die Kollegen geben hilfreiche Tipps, bremsen vielleicht übermäßigen „Jagdeifer“ und so zeigen sich positive Fortschritte.   

Anfangs geht es zu Fuß in die Rinderherde

Die dritte Gruppe an diesem Tag bestand aus den Anfängern in der Rinderarbeit, darunter auch einige Jugendliche. Die Rinder waren etwas ruhiger und Gabriele Resch vom Eliesenhof erklärt die ersten wichtigen Schritte bei der Begegnung mit dieser besonderen Spezies. Dazu lässt sie die Schüler vom Pferd absteigen und zu Fuß in die Rinderherde gehen. Häufig sind Reiter überfordert, wenn sie beides – Rind und Pferd – gleichzeitig dirigieren sollen. Also läuft man vorsichtig in die Rinderherde hinein und stellt fest, dass ein Rind den fremden „Zweibeiner“ nur bis zu einer gewissen Distanz heranlässt und dann wegläuft. Die nächste Erkenntnis: Der Mensch kann beeinflussen, wo es hinläuft. Geht man ans hintere Ende – also der Hüfte eines Rindes –, kann man es im Idealfall vor sich hertreiben, läuft man vor das Rind, also Richtung Kopf, bremst man es ab. Wichtige Voraussetzung: Alles passiert ruhig und mit dem individuellen Abstand. Breitet man die Arme aus, macht man sich optisch größer. Gepaart mit einer gewissen Entschlossenheit erreicht man die Präsenz eines Pferdes. Das ist die Idee, die hinter dieser Übung steckt: Man lernt, wie ein Rind in der Herde kontrolliert werden kann. Läuft man hinter einem einzelnen Rind her, sieht man, wie dieses den Kopf wendet und – beispielsweise  – nach rechts schaut. Dann kann man – normalerweise – davon ausgehen, dass es auch nach rechts laufen wird. Macht man dann einen kleinen Schritt nach rechts, wird das Rind sein Kopf nach links nehmen, um dahin abzubiegen. Auf diese Art und Weise beschreiben wir eine Zickzackbewegung, während man ein Rind vor sich hertreibt. Ziel dieser Übung ist es, dieses Tier von den anderen zu trennen. Spätestens, wenn man aufhört, das ausgewählte Rind zu treiben, oder dieses merkt, dass es zu weit entfernt ist von den Herdenmitgliedern, wird es schneller und versuchen, nach rechts oder links zu drehen, um zur Herde zurückzukommen. In diesem Moment muss man vor den Rinderkopf springen und mit einer schnellen, energischen Bewegung „seine Kuh“ stoppen. Kommt ein Rind erst mal ins Laufen, hat man kaum eine Chance, es anzuhalten. Dann merkt man auch, wie schnell Rinder laufen können! Nach der Übung zu Fuß hieß es „Aufsteigen“ und dasselbe zu Pferd hinbekommen. Unter der Anleitung von Gabi Resch bekamen auch die Anfänger in der Rinderarbeit ihre kleinen Erfolgserlebnisse.

Was kann ein Workshop leisten?

Wie bereits erwähnt, geht es in erster Linie um einen Erfahrungsaustausch unter den Teilnehmern. Dabei kann – muss aber nicht – einer aus der Gruppe der Moderator sein. In der Regel agieren sämtliche Teilnehmer auf der gleichen Ebene. Es geht also nicht um die reine Wissensvermittlung, sondern jeder nimmt neue Anregungen für das weitere Training mit nach Hause. Aus Erfahrung weiß man, dass je stärker die Interaktionen zwischen den Teilnehmern sind, desto mehr neue Erkenntnisse gewinnt jeder Einzelne durch das Lernen voneinander. Die angenehme und lockere Atmosphäre trägt wesentlich dazu bei, daher hieß es abends unisono: Ein schöner, gelungener Tag!

Carola Steen

Die Trainingstipps sind zum Teil dem Buch „Westernreiten – Ranchpferde ausbilden und trainieren“ von Ute Holm und Carola Steen entnommen.