Systemfehler Hautallergie

 

  Blühende Haselsträucher, zartgrün leuchtende Birkenhaine, bunte Streuobstwiesen, Blütenteppiche im Wald: Der Frühling breitet sich mit Macht aus und bringt uns Wärme, Farben, Licht zurück. Für den einen ist es die ersehnte Zeit für lange Ausritte, gemütliche Abende im Biergarten, Sport an der frischen Luft und ein Leben ohne ungezählte Schichten warmer Kleidung. Für den anderen ist es schlicht: Heuschnupfensaison!   Auch unsere Pferde leiden nicht selten unter allergischen Erkrankungen durch ganz unterschiedliche Auslöser, die sich auf verschiedene Weise äußern können. Nicht selten treten dabei beunruhigende Symptome an der Haut auf.   Juckreiz und mehr   Allergien begegnen dem Pferdehalter in verschiedenen „Geschmacksrichtungen“: In Verbindung mit Atemwegserkrankungen als Heuallergie (eigentlich Heustauballergie, auch als generelle Stauballergie), in Form von Hauterkrankungen oder, so vermutet man, zumindest in manchen Fällen von Headshaking. Eine Allergie könnte man als Amok laufendes Immunsystem bezeichnen. Die körpereigene Abwehr ist so in ihrer Funktion gestört, dass eine Immunreaktion durch Stoffe aktiviert wird, die eigentlich harmlos sind und keine Gefahr für den Organismus darstellen. Allergien äußern sich durch völlig unterschiedliche Symptome vom harmlosen Hautausschlag über quälenden Juckreiz bis hin zu Kreislaufsymptomen. Eine Form der Allergie, der anaphylaktische Schock kann so rasch und dramatisch verlaufen, dass der Tierarzt sofort eingreifen muss, um das Pferd zu retten. Allergien sind im Grunde ein sehr spannendes, aber auch sehr komplexes Thema. Was sollte der Pferdehalter darüber wissen? Einige wichtige Fakten: 1.     Pferde gelten als besonders „allergiebereite“ Tiere. Sie reagieren überdurchschnittlich oft auf überdurchschnittlich viele Auslöser mit überdurchschnittlich gravierenden Symptomen. Bringen wir ein Pferd mit Stoffen in Kontakt, denen es zuvor nicht ausgesetzt war, ist Vorsicht geboten. Allerdings kann eine Allergie auch spontan als Reaktion auf Stoffe auftreten, die das Pferd zuvor gut vertragen hat. 2.     Allergien können durch ganz unterschiedliche Stoffe – Parfüme oder Farbstoffe im Shampoo, Eiweiße im Insektenspeichel, Pollen in der Atemluft, Medikamente, Partikel im Futtermittel – ausgelöst werden. Tritt eine Allergie auf, muss also in alle Richtungen gedacht werden. 3.     Die eine Allergie auslösenden Stoffe (Allergene) können auf ganz verschiedene Weise in oder an den Pferdekörper gelangen, etwa durch Einatmen, Spritzen, Einreiben, Stechen, Fressen. Oft lässt sich nachträglich weder das Allergen noch die Art des Kontaktes damit festmachen, wenn es zu allergischen Symptomen gekommen ist.  4.     Es gibt eine Vielzahl an Symptomen vom einfachen Hautausschlag bis hin zum allergischen Schock, wobei nicht zwingend ein Zusammenhang zwischen dem Ort des Kontaktes mit dem Allergen und dem Ort der Reaktion darauf bestehen muss. Sprich: Ein über das Futter aufgenommenes Allergen kann theoretisch einen Hautausschlag hervorrufen, der Stich eines Insektes durchaus einen Kreislaufzusammenbruch hervorrufen. 5.     Allergien sind, sofern es sich nicht um ein bekanntes und wiederkehrendes Phänomen wie etwa das Sommerekzem handelt, grundsätzlich ernst zu nehmen und als potentielle Notfälle zu betrachten. Auch wenn wir hier „nur“ über Allergien mit Hautsymptomen sprechen, so muss man doch immer damit rechnen, dass im Einzelfall zu den an sich harmlosen Hauterscheinungen andere Probleme hinzukommen, die wesentlich gefährlicher sein können.   Arme Haut   Wie können sich Allergien mit Hautsymptomen äußern? Ein bekanntes Phänomen wird „Nesselsucht“ genannt. Es sieht bedenklich aus, wenn ein Pferd urplötzlich über und über mit Quaddeln bedeckt ist. Kleine oder große, runde, erhabene Bezirke erscheinen auf der Hautoberfläche, die Haut selbst ist intakt, das Fell erscheint im Bereich der Erhebungen ein wenig gesträubt, dem Pferd aber geht es allem Anschein nach gut. Meist heilen diese Quaddeln von selbst ab, manchmal aber geht die Reaktion weiter, es tritt Exsudat aus und es entwickelt sich Juckreiz. Doch auch diese Hautveränderungen bessern sich schnell, die Allergie kann allerdings jederzeit wieder auftreten, wenn das Pferd erneut in Kontakt mit dem Allergen kommt. Besonders häufig wird die Nesselsucht durch Insektenstiche und Hautkontakt mit Shampoos, Salben, Sprays und anderen Hautpflegemitteln ausgelöst. Es empfiehlt sich, neue Pflegemittel zunächst nur auf einen kleinen Hautbereich aufzutragen und einen Tag abzuwarten, ob das Pferd reagiert oder nicht, bevor man sie großflächig einsetzt.   Ein sehr häufig auftretendes und nicht etwa auf Islandpferde beschränktes Krankheitsbild ist das Sommerekzem. Dabei handelt es sich um eine allergische Reaktion auf den Stich bestimmter Insekten (vor allem Gnitzen, aber auch Kriebelmücken), genauer, auf Bestandteile des Speichels dieser Stechinsekten. Diese Allergene verursachen während der warmen Jahreszeit (je nach örtlichen klimatischen Gegebenheiten von März bis November) starken Juckreiz. Betroffene Pferde scheuern sich vor allem im Bereich von Mähnenkamm und Schweifrübe, aber auch entlang der Bauchnaht, am Kopf oder der Kruppe. Es kommt zu Haarausfall und großflächiger Schädigung der Haut durch das unausgesetzte Scheuern. Erkennbar sind haarlose Bereiche, Verdickungen, nässende Stellen, Rötungen. Langfristig wird die Haut vor allem im Bereich der Mähne oft dick und schrundig (Pachydermie). Die geschädigten Bereiche können von Keimen besiedelt werden, was das Krankheitsbild verschlimmert. Der Juckreiz bei unbehandelten Pferden kann so stark werden, dass die Futteraufnahme reduziert ist und die Pferde sich verzweifelt auf den Boden werfen, um sich an einem unter gezogenen Huf den Bauch blutig zu scheuern. Die Veranlagung zum Sommerekzem ist erblich. Es wird immer wieder spekuliert, ob Faktoren wie zu große Kraftfuttergaben, zu ausgiebiger Weidegang auf fetten Weiden oder Stress den Ausbruch begünstigen, ein wissenschaftlicher Nachweis dafür fehlt aber bislang. Das Sommerekzem ist nicht heilbar, aber mit geeigneten pflegerischen Maßnahmen gut beherrschbar. Da die verursachenden Insekten dämmerungsaktiv sind bringt es nichts, betroffene Pferde nachts weiden zu lassen, da die Dämmerung in den Sommermonaten abends sehr spät und morgens sehr früh einsetzt. Am einfachsten und oft wirkungsvollsten ist die Abwehr der Insekten, entweder durch Insektizide oder durch so genannte Ekzemdecken. Die veränderten Hautbezirke müssen sorgfältig gepflegt werden. Etwaige Sekundärinfektionen (Besiedelung der vorgeschädigten Bereiche mit Keimen) werden behandelt. Versucht werden häufig auch naturheilkundliche Therapien und/oder Maßnahmen, die das Abwehrsystem wieder ins Lot bringen. Von einer züchterischen Verwendung befallener Pferde ist abzusehen, was in der Praxis allerdings nicht konsequent genug geschieht.   Nicht selten tritt beim Pferd eine Form des Sonnenbrands auf, die fälschlich als „Sonnenallergie“ bezeichnet wird, obwohl es sich im Grunde nicht um eine allergische Reaktion handelt. Das Licht besteht aus elektromagnetischen Wellen mit unterschiedlichem Energiegehalt. Ist die Haut ungeschützt über längere Zeit der Sonnenstrahlung ausgesetzt, kommt es zu Hautproblemen, da die Energie der Strahlung Hautzellen schädigen und zerstören kann. Wie beim Menschen auch reicht die Spannbreite beim Pferd von einer leichten Reizung und Rötung bis zur großflächigen Verbrennung der oberen Hautschichten beim gewöhnlichen Sonnenbrand. Nimmt das Pferd aber bestimmte Pflanzen auf (Johanniskraut, Buchweizen, manche Kleearten oder Luzerne), reagiert es danach zeitweise überempfindlich auf das Sonnenlicht. Der Grund: Diese Pflanzen enthalten fototoxische Substanzen – das sind chemische Verbindungen, die sich in die Haut einlagern und wie eine Art Verstärker die Wirkung des Sonnenlichts potenzieren. Es handelt sich dabei aber nicht um eine Allergie. Außer dieser primären Fotosensibilität tritt beim Pferd auch eine sekundäre Form auf, deren Ursache eine Lebererkrankung ist. Auch ohne den Einfluss fototoxisch wirkender Substanzen können Pferde natürlich einen Sonnenbrand bekommen, je länger und stärker die Sonnenstrahlen einwirken, desto größer der angerichtete Schaden. Besonders empfindlich sind Körperregionen mit weißem Fell und unpigmentierter Haut, also Abzeichen im Gesicht oder im Bereich der Gliedmaßen. Gefährdet sind übrigens auch die „ausgebleichten“ Hautbezirke eines an Vitiligo (Pigmentierungsstörung) erkrankten Pferdes. Überall kommt es zu Rötungen, Schwellungen, Schmerzhaftigkeit, im schlimmsten Fall zu nässenden Stellen und zur Ablösung der oberen Hautschichten. Überprüfen Sie die Weide unbedingt auf Pflanzen mit fototoxischen oder lebertoxischen Inhaltsstoffen. Schützen Sie Pferde mit großen Abzeichen im Gesicht mit einer Gesichtsmaske oder einer Fliegenmaske mit Nüsternschutz. Tragen Sie auf empfindliche Hautbereiche Zinklebertransalbe zur Prophylaxe auf. Bieten Sie auf jeder Weide einen schattigen Unterstand an, der groß genug für alle Pferde sein muss! Text: Angelika Schmelzer/Foto: K.-J. Guni