Training - Was geschieht im Pferdekörper?

 

Ob unser Pferd gemütlich die schöne Natur rund um den Heimstall unter die Hufe nimmt, die große Freiheit auf anstrengenden Wanderritten genießt, sich mit Kollegen auf einem Turnier misst oder als Familienpferd vielerlei ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllt, es betreibt immer Sport. Es heißt nämlich ReitSPORT. Und wer A sagt, muss auch B sagen, wer SPORT sagt, muss auch TRAINING sagen.

Unsere Pferde bewegen sich von selbst, wenn wir sie lassen. Sie wandern stundenlang geruhsam über die Weide, immer von einem leckeren Grasbüschel zum nächsten, spielen hingebungsvoll mit ihren Kumpels, rennen um die Wette, legen sich zum Ausruhen hin und stehen wieder auf, gymnastizieren sich selbst durch Vorhandschläge, Stolztrab oder Übungen der Hohen Schule über der Erde, wenn Anlass dazu besteht. Von klein auf üben und verbessern sie alle körperlichen Fertigkeiten, die im Rahmen eines artgerechten Lebens vonnöten sind. Ändern sich die Lebensumstände oder das Individuum selbst, findet im Laufe der Zeit eine Anpassung statt, die den Körper auf die neuen Herausforderungen einstellt. So bildet sich ein flexibles Gleichgewicht zwischen den Anforderungen des Lebens und dem körperlichen Zustand des Pferdes aus.

Reiten erfordert spezielles TrainingSoll ein Pferd geritten werden, kommt zu dieser alltäglichen Übung das spezielle Training hinzu, das inhaltlich und in der Intensität weit darüber hinausgeht, was unsere Pferde fürs bloße Pferd-Sein tun müssen. Denn: Wann immer wir uns auf den Rücken des Pferdes setzen, um es zu reiten, tun wir etwas Widernatürliches. Nichts am Reiten ist „natürlich“ und auch das Bemühen um einen „natürlichen“ Reitstil mit „natürlicher“ Ausrüstung und „natürlicher“ Hilfengebung ist ein Widerspruch in sich. Von der Natur sind nämlich Passagiere auf dem Rücken des Pferdes überhaupt nicht vorgesehen. Eine Anpassung des Pferdes an das Geritten-Werden erfordert deshalb besondere Anstrengungen, die über den „natürlichen“ Prozess der Angleichung an „natürliche“ Anforderungen hinausgehen. Es ist Aufgabe des Reiters, diesen Anpassungsprozess anzustoßen, zu fordern und zu begleiten und so dafür zu sorgen, dass sein Pferd dem Geritten-Werden auch dauerhaft gewachsen ist. Diese Maßnahmen nennt man eben „Training“.

Training muss seinJede Arbeitseinheit, eigentlich sogar jedes Zusammensein mit dem Pferd ist Teil des Trainings. Auf beiden Seiten des Sattels, des Führstricks oder der Longe kommt es zu Veränderungen, die hoffentlich einen Aufwärtstrend zeigen: mehr Wissen, mehr Können, mehr Erfahrung, mehr Kraft, Schnelligkeit, Geschmeidigkeit, mehr Souveränität und Gelassenheit. Es liegt am Menschen, ob er dem gemeinsamen Tun Inhalt, Richtung und Ziel gibt oder nicht.

Korrekt dosierter Trainingsreiz

Training bedeutet Anpassung – Anpassung an geänderte Anforderungen an den Organismus. Sie werden ausgelöst durch einen Trainingsreiz, der allerdings nur dann wirken kann, wenn er korrekt dosiert ist. Zu stark führt er zu Überforderung und Schäden, zu schwach verpufft er wirkungslos. Gut abgestimmt stößt er Prozesse an, die den Körper auf die geänderten Anforderungen einstimmen. Interessanterweise finden diese Anpassungsprozesse eigentlich nicht während des Trainings, sondern danach statt. Wenn der Reiter mit seinem Pferd arbeitet, setzt er lediglich den Trainingsreiz, der Zuwachs an körperlichen Fähigkeiten findet erst im Anschluss daran statt. Deshalb ist ein Wechsel zwischen Training und Rekonvaleszenz so wichtig, denn nur in den Ruhephasen „wirkt“ das vorangegangene Training.Auch wichtig: Alle Anpassungsprozesse finden lediglich im Rahmen der körperlichen Möglichkeiten statt, alle Trainingsreize sind bezüglich ihrer Intensität auch daran zu messen. Das bedeutet für den Reiter, dass er die Grenzen der Trainierbarkeit seines Pferdes kennen und respektieren muss. Es bedeutet aber auch, dass Trainingsreize individuell ausfallen müssen und entsprechend gesteuert werden sollten. Was für das eine Pferd gerade richtig ist, wird das andere überfordern, das dritte unterfordern. Ohne das Wissen um die individuellen Grenzen der Anpassungsfähigkeit des eigenen Pferdes wird das Training entweder nicht den gewünschten Erfolg zeigen – wenn die Trainingsreize unterschwellig sind – oder zu einer Überforderung führen, die wiederum oft irreversible gesundheitliche Schäden mit sich bringt.

Körper-Welten

So wie das schwächste Mitglied einer Gruppe die Leistungsfähigkeit der Gruppe begrenzt, wird der Trainingszustand eines Individuums von der (noch) am geringsten den Anforderungen entsprechenden Struktur des Organismus bestimmt. Wie leistungsfähig ein Pferd hängt vor allem ab vom Trainingszustand - des Herz-Kreislaufapparates,- seiner Muskulatur und- seiner Knochen und Gelenke.Ob eine Anforderung gut verkraftet wird, ob sie also dem Trainingszustand angemessen ist oder nicht, ist oft weder von außen noch durch entsprechende Diagnostik wirklich zutreffend einzuschätzen. Wir können uns einen Eindruck von der Bemuskelung verschaffen, können überflüssigen Ballast in Form von Fettpolstern erkennen, wir können unter und nach der Belastung Atmung und Puls messen, vielleicht sogar den Laktatgehalt des Blutes kontrollieren oder andere Blutparameter heranziehen. Wir können uns so einen Eindruck davon verschaffen, wie leistungsfähig der Herz-Kreislaufapparat, wie ausgeprägt die Muskulatur ist, doch inwieweit Knochen und Gelenke den Anforderungen gewachsen sind, entzieht sich unserem Blick.

Knifflig: der Trageapparat

Das Fatale: Viele Reiter wissen nicht einmal, dass auch der knöcherne Trageapparat auf Belastungen reagiert, dass er sich infolge von Trainingsreizen anpasst, dass er auf kommende Anforderungen eingestellt werden muss, dass er also trainierbar ist und trainiert werden muss. So lassen sie sich von schwellenden Muskelbergen und guten Erholungswerten blenden und unterziehen ihre Pferde Belastungen, denen zwar Muskulatur, Herz und Lunge, nicht aber Knochen, Gelenke und Bänder gewachsen sind. Jeder zu intensive Trainingsreiz kann durch die Überforderung zu einer Schädigung der betreffenden Gewebe führen. Unglücklicherweise verlaufen die damit verbundenen Symptome oft unauffällig, stellen sich Anzeichen eines Problems schleichend ein, sodass oft erst sehr spät reagiert wird. Hinzu kommt, dass Schäden gerade im Bereich der Knochen und Gelenke sehr viel Zeit zur Abheilung brauchen, oft aber auch danach eine bleibende Schwachstelle hinterlassen.Diese durch falsches – unangemessen intensives – Training verursachten Schäden vor allem am Trageapparat, aber auch an anderen Strukturen sind keinesfalls auf Pferde aus dem Leistungssektor beschränkt. Das für Gelände– und Wanderritte genutzte Pferd, dessen zartes Fundament leider nicht mit der zunehmenden Gürtelgröße seines Reiters Schritt halten konnte und das deshalb nach einem Jahr durch Zubildungen im Bereich der hinteren Fesselgelenke auffällt, das „natürlich“ auf der Vorhand gerittene Familienpferd mit Unterhals und Senkrücken, sie und viele Kollegen strafen die Mär vom frühzeitig verbrauchten, armen Turnierpferd und dem langlebigen, kerngesunden Freizeitpferd Lügen.

Halbwertszeiten

Der Begriff „Halbwertszeit“ begegnet uns im Zusammenhang mit der Radioaktivität. Dieser Begriff lässt sich auf das Training übertragen und meint dann den Zeitraum den es braucht, bis sich ein Gewebe zur Hälfte den erhöhten Anforderungen angepasst hat. Diese Halbwertszeiten sind von Gewebe zu Gewebe unterschiedlich lang: Während sich sowohl das Herz/Kreislaufsystem als auch die Muskulatur im Zeitraum von Wochen anpassen, brauchen Knochen und Gelenke Monate bis Jahre. Man spricht von der „biologischen Halbwertzeit“ dieser Gewebe und meint damit den Zeitraum, in dem nach Trainingsbeginn etwa die Hälfte des vorhandenen Gewebes durch leistungsfähigeres ersetzt werden kann. Diese Zeiträume lassen sich nicht beliebig beschleunigen, wohl aber verzögern, wenn beim Training nicht sachgerecht vorgegangen wird.Während die Muskulatur nach etwa drei Monaten zur Hälfte umgebaut wurde, dauert diese Anpassung bei Gelenken, Sehen und Knochen fast ein ganzes Jahr. Bei gutem Training braucht es also ein Jahr, bis der komplette Organismus sich zumindest zur Hälfte auf die veränderten Anforderungen eingestellt hat. Und das gilt, wie gesagt, immer und für jeden Sport, jede Form der Arbeit, nicht etwa nur für den Leistungssport.So kann der aufmerksame Reiter schon wenige Wochen nach Trainingsbeginn Fortschritte feststellen, weil etwa der Stoffwechsel, Atmung und Kreislauf infolge gut gesetzter Trainingsreize ökonomischer arbeiten, die Muskulatur an Kraft und Ausdauer zugelegt hat. Der Umbau und die Neuausrichtung der Knochenbälkchen, also der statischen Elemente im Knochen dauern erheblich länger und der Fortschritt ist kaum zu kontrollieren. Ebenso wie die Belastbarkeit der Gelenke ist der Trainingszustand des knöchernen Trageapparates fast nur im Umkehrschluss zu beurteilen: Wenn es Probleme gibt, waren diese Gewebe wohl noch nicht ausreichend auf die Belastung vorbereitet.

Leistungsfähigkeit

Wie leistungsfähig ein Körper ist, hängt nicht nur von seinem Trainingszustand ab, sondern auch von ererbten Faktoren wie etwa dem Exterieur, von der psychischen Verfassung eines Pferdes, von seinen aktuellen Haltungsbedingungen wie auch den Umständen, unter denen es groß geworden ist. Diese und andere Aspekte der Leistungsfähigkeit sind mal mehr, mal weniger vom Reiter zu beeinflussen, machen aber im Gesamtpaket auch das Entwicklungspotential aus.Schaut man sich den Faktor der Muskeltätigkeit einmal näher an, wird klar, dass auch hier die Leistungsfähigkeit unterschiedliche Aspekte hat: Je nach Art des Trainings und der damit verbundenen Beanspruchung werden Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Koordination und Beweglichkeit in unterschiedlichem Maß geübt und verbessert. Wie erfolgreich der Reiter mit seinen Trainingsbemühungen ist, hängt auch von der Ausstattung seines Pferdes mit unterschiedlichen Muskelfasertypen ab: Man unterscheidet Muskelfasern vom Typ I, die vor allem für die Ausdauer zuständig sind sowie den Typ II, der schnell und kräftig arbeitet. Die Anteile dieser Fasertypen sind erblich festgelegt und durch Training nur bedingt zu beeinflussen – hat man also ein Pferd mit einem hohem Maß an Typ I Fasern unter dem Sattel, wird es auf Ausdauertraining gut reagieren, weil es dafür die notwendigen Voraussetzungen mitbringt, aber in Sachen Schnelligkeit und Kraft nur in geringerem Umfang zulegen können. Bringt ein Pferd sehr viele Typ II Fasern mit ins Training, wird es leichter an Kraft und Schnelligkeit zulegen als an Ausdauer gewinnen. So sind hier, auch ohne dass körperliche Mängel vorliegen, der Entwicklungsfähigkeit unserer Pferde Grenzen gesetzt.

Wer rastet, der rostet

Jedes Training folgt denselben Prinzipien. Zu Beginn bringt das Pferd ein individuelles Niveau mit, das es nun durch Training anzuheben gilt. Das angestrebte Niveau wird begrenzt durch die individuelle Leistungsfähigkeit sowie durch eventuelle Vorschäden. Trainingsreize, die über den bisherigen, zur Erhaltung des aktuellen Zustands notwendigen Reizen liegen (überschwellige Reize), führen im Wechsel mit Regenerationsphasen zu einer Leistungssteigerung. Dabei gilt: Rasch erzielte Leistungssteigerungen sind besonders anfällig für ein ebenso schnelles Nachlassen, wohingegen ein allmählicher und kontinuierlicher Aufbau zu einem stabileren Trainingserfolg führt. Wichtig sind immer ausreichende Erholungsphasen oder, besser gesagt, ein rhythmischer Wechsel von Belastung und Regeneration. Vor allem bei fehlenden Trainingspausen kommt es zu einem Phänomen, das „Übertraining“ genannt wird. Hier tritt man auf der Stelle oder macht sogar Rückschritte. In diesen Phasen kann man für mehr Abwechslung sorgen, indem man dem Pferd völlig neue Aufgaben stellt oder sogar für eine Zeit ganz aus der Arbeit nimmt. Eine sorgfältige, langfristige Planung des Trainings mit vorher einkalkulierten Pausen beugt vor.

Trainingszyklen

Ob Turnierpferd oder nicht – langfristig betrachtet wird sich immer ein gewisser Rhythmus in der Höhe der täglichen Anforderungen ergeben. Beim Turnierpferd wird er bestimmt durch die Wettkampfsaison, die auf dem Höhepunkt der Leistungsfähigkeit absolviert und von einer ausreichend langen Regenerationsphase gefolgt werden sollte. Bei Pferden, die nicht oder nur wenig auf Wettkämpfen gezeigt werden, ist oft das Wetter ein entscheidender Faktor. Während der warmen Jahreszeit liegt der Schwerpunkt dann häufig auf längeren Geländeritten, während im Winter Hallenarbeit und Longentraining vermehrt auf dem Stundenplan stehen. So ergibt sich automatisch eine Vorgabe für meinen individuellen Trainingsplan, der dann mit ganz persönlichen Inhalten und Zielen gefüllt werden sollte. Sportler sprechen vom Makro-, Meso – und Mikrozyklus ihres Trainings, wobei sich der Makrozyklus meist auf ein Jahr bezieht, der Mesozyklus Zeitabschnitte von etwa einem Monat meint und der Mikrozyklus eine Woche dauert. Der Makrozyklus umfasst für uns Reiter die Zeit der wichtigsten Wettkämpfe, die Phase der Vorbereitung davor und der Nachbereitung (dem Abtraining) danach und etwaigen Wettkampfpausen. Der Mesozyklus bezieht sich auf Trainingsabschnitte mit bestimmten Schwerpunkten oder Inhalten, der Mikrozyklus ist die kleinste Zeiteinheit im Trainingsplan. Und das tägliche Training teilen wir bekanntlich ebenfalls in Phasen ein, in eine einleitende Dehnungs – oder Aufwärmphase, eine Arbeits – oder Leistungsphase und eine abschließende Erholungs – oder Regenerationsphase. Mit diesen natürlichen, weil von den körpereigenen Funktionsweisen vorgegebenen Rhythmen im Hinterkopf gelingt das Training in jedem Fall.Angelika Schmelzer, Foto: K.-J. Guni