Warm up

Drei Phasen braucht das Pferd – Lösen, Arbeiten, Entspannen

Teil 1: Lösen 

Viele bewährte Grundzüge der Reiterei besitzen allgemeine Gültigkeit, sind zeitlos aktuell, Reitweisen übergreifend stimmig. Dazu gehört auch der Grundsatz, das Training in drei Phasen einzuteilen: Eine anfängliche Lösungsphase, gefolgt von der eigentlichen Arbeits- oder Leistungsphase und abgeschlossen von einer Entspannungsphase.  

Zu jeder sportlichen Betätigung gehört eine Vorbereitung, die Körper und Psyche auf die kommende Belastung einstimmt. Pferd und Mensch stellen sich ein auf das, was im darauffolgenden Training kommen mag. Der Reiter kann diese Zeit nutzen, um sich seine aktuellen Trainingsziele zu vergegenwärtigen, das Pferd kann sich auf seinen Reiter einstimmen. Aus der Ruhe werden Kreislauf, Atmung, Muskulatur und Gelenke allmählich in einen Zustand überführt, in dem sie den kommenden Belastungen gewachsen sind und Leistung erbringen können. 

Gut vorbereitet, geht es dann in die Arbeits- oder Leistungsphase, in der das eigentliche Training stattfindet. 

Die sich anschließende Entspannungsphase bildet einen fließenden Übergang von der Leistung zur Ruhe und sorgt dafür, dass der Körper die vorangegangenen Belastungen gut verkraftet. Auch der Reiter kann diese Zeit nutzen, um zur Ruhe zu kommen, um das voran gegangene Training Revue passieren zu lassen. Jede Trainingseinheit will auch mental aufgearbeitet werden und dafür ist in der Entspannungsphase der ideale Zeitpunkt.  

Die Pluspunkte eines strukturierten Trainings:

  • Eine gut gestaltete Lösungsphase bereitet den Organismus des Pferdes optimal auf die Belastung vor und hilft, Überlastungen zu vermeiden.
  • Eine bewusst gerittene Leistungsphase sorgt dafür, dass beim Training Fortschritte erzielt werden statt immer nur an demselben Punkt der Ausbildung herumzuwerkeln.
  • Mit einer sorgfältigen Ausleitung des Trainings stellt der Reiter sicher, dass sein Pferd erzielte Fortschritte langfristig beibehalten kann und entspannt die sich anschließende Ruhephase zur Rekonvaleszenz nutzt.
  • Da man möglichst nicht nach der Uhr von einer Phase in die nächste wechselt, sondern die Übergänge von der aktuellen Befindlichkeit des Pferdes abhängig macht lernt der Reiter, genauer hinzufühlen.

 Es geht los!

Streng genommen beginnt das Training bereits dann, wenn wir unserem Pferd das Halfter überstreifen. Von nun an erwarten wir, dass sich unser Pferd auf uns konzentriert und auch wir achten jetzt verstärkt auf unseren Trainingspartner. Ganz entspannt und gelassen wird der Vierbeiner geputzt und gesattelt, aufgesessen und im Schritt angeritten. Pferd und Reiter sind aufeinander eingestimmt, jeder weiß schon, wie der andere heute drauf ist – eine wichtige Voraussetzung für den Trainingserfolg!

Im Schritt geht es auf langen Linien, am langen Zügel los. In der Bahn bedeutet dies: Ganze Bahn auf der linken, dann der rechten Hand. Im Gelände heißt es: Schritt einfach geradeaus. 

Zwanglos dehnt das Pferd nun seine langen Muskeln, allmählich beginnen Lunge und Herz, intensiver zu arbeiten. Die Gelenkschmiere (Synovia) wird nach und nach in ihren „Betriebszustand“ überführt und kann nach einer gewissen Zeit ihre volle Funktionsfähigkeit entfalten. 

Der Reiter kontrolliert seinen Sitz, achtet auf seine Hilfengebung, vergegenwärtigt sich die Lektionen, die er später abrufen will, das heute anstehende Trainingsziel oder die Strecke, die er zurücklegen möchte. 

Was ist „Lösen“?

Die Lösungsphase heißt Lösungsphase, weil das Pferd sich während dieser Zeit lösen soll, sie wird auch Dehnungsphase genannt, weil die Dehnung das optische Zeichen und Hauptziel dieser Untereinheit des Trainings ist. Dehnung bedeutet, eine gleichmäßige Streckung der langen Rückenmuskulatur unter Aktivierung der Bauchmuskulatur zu erreichen. Ein korrekt gedehntes Pferd streckt sich bei erhaltenem Vorwärtsschub nach vorne-unten. Kopf und Hals werden bei feinem Zügelkontakt unter Öffnung des Halswinkels abgesenkt. Die Hinterhand ist aktiv, der Rücken schwingt. Achten Sie auf folgende Merkmale:

  • Der Halswinkel öffnet sich, die Nase des Pferdes senkt sich mindestens bis auf Höhe des Buggelenkes, besser aber noch tiefer und sie befindet sich deutlich vor der Senkrechten. 
  • Das Pferd tritt so weit unter, wie es seiner Anatomie und seinem Ausbildungsstand entspricht, die Hinterhand greift also unter den Schwerpunkt.
  • Der Zügelkontakt ist erhalten und erlaubt jederzeit eine sanfte Einwirkung des Reiters.
  • Das Pferd tritt mit tiefer Nase fleißig vorwärts, es „soll gehen wie ein Spürhund an der Fährte“, wie ein bedeutender Reitmeister es einmal formuliert hat. 

 Unabhängig von Rasse und Reitweise finden wir verschiedene abzulehnende Varianten des „tief eingestellten“, dabei aber nicht gedehnten Pferdes. 

Abgesehen davon, dass diese Methoden durchaus auch als tierschutzrelevant angesehen werden können, handelt es sich hier nicht um eine sinnvolle Art der Dehnung, ja nicht einmal um eine anderweitig in irgendeinem Sinne effektive Form des Reitens. Es tritt lediglich ein Prozess der Gewöhnung ein, bei der das Pferd nichts anderes mehr kennt, als mit tiefer Nase oder beliebig einstellbarer Haltung, aber ohne die notwendige dynamische, elastische Anspannung zu gehen. Am Ende steht ein Pferd, das schon beim Aufsitzen des Reiters Kopf und Hals in die vermeintlich korrekte Haltung klappt. Für alle Pferde gilt: Vor der Leistung kommt die Dehnung und dehnt sich mein Pferd nicht, wird es auch nicht leistungsbetont geritten!

Was tun in der Lösungsphase?

Das Pferd kann in allen drei Gangarten geritten werden, wobei dem Galopp, wenn überhaupt galoppiert wird, nur wenig Raum gegeben wird. Es ist darauf zu achten, das Pferd auf keinen Fall müde zu reiten. Ewig langes „Abreiten“ eines Pferdes, das sonst nicht zu kontrollieren ist, nicht mitarbeitet oder um es zu konditionieren, ist nicht Teil einer korrekten Dehnungsphase!

Das Pferd wird auf der ganzen Bahn und dem Zirkel auf beiden Händen ohne enge Wendungen und Biegungen bewegt. Zweckmäßig beginnt man auf der Hand, die dem Pferd leichter fällt, im Schritt und reitet dann im Trab an, wobei der Trab locker, fleißig, aber nicht übereilt sein sollte. EIn übereilter Trab ist mit einer entspannten, tiefen Kopfhaltung nicht zu vereinbaren. Traben Sie leicht oder reiten Sie in einem entlastenden Sitz, also mit leicht vorgeneigtem Oberkörper und dem Gewicht vorwiegend auf den Innenseiten der Oberschenkel und den Steigbügeln. So fällt es dem Pferd leichter, die Bauchdecke anzuspannen und den Rücken aufzuwölben.

Stellen Sie das Pferd korrekt auf die Zirkellinie ein und reiten Sie es gut mit der Hinterhand durch die Ecken, wenn Sie ganze Bahn gehen. Auf dem Zirkel soll das Pferd seinen Körper von der Nasenspitze bis zur Kehrseite auf der Zirkellinie halten. Beim Reiten auf dem Zirkel wird so die jeweils innere Körperhälfte ein wenig mehr angespannt, die äußere mehr gedehnt. 

Wechseln Sie die Hand erst, wenn Sie mit dem Ergebnis auf der einen Hand zufrieden sind. Überprüfen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit durch mehrmaliges aus-dem-Zirkel-wechseln oder eine entsprechende Übung. Kommt Ihr Pferd beim Handwechsel nicht mit der Nase hoch und verliert es weder an Takt noch an Schwung, sind Sie auf dem richtigen Weg. 

Achten Sie darauf, zwar mit der „guten“ Hand zu beginnen, Ihr Pferd aber insgesamt länger auf der „schlechten“ Hand zu bewegen. 

Das Reiten von Übergängen

 Große Bedeutung kommt dem korrekten Reiten von Übergängen zu, während langes Verharren in einer Gangart und einer Bahnfigur schädlich ist. Übergänge gibt es in zwei „Geschmacksrichtungen“, einmal zwischen verschiedenen Gangarten, einmal innerhalb einer Gangart durch Wechsel im Gangmaß. Alle Übergänge werden fließend gestaltet, nicht ruckartig. Ziel ist es, das Pferd in seinem Bewegungsfluss möglichst nicht zu stören und den Vorwärtsimpuls bei jedem Wechsel beizubehalten. Anfangs beginnt man mit Wechseln zwischen Schritt und Halt sowie Schritt und Trab, später können Wechsel im Gangmaß sowie das Überspringen einer Gangart hinzukommen. Entscheidendes Kriterium ist immer die Art, wie das Pferd die Hilfe umsetzt. Treten bei einer Übung Probleme in der Umsetzung auf, gehört die Arbeit daran in die Leistungsphase – wie sollte sich das Pferd auch entspannen, dehnen und sowohl geistig wie körperlich lösen, wenn intensiv an einem Problem gearbeitet wird? 

Inhaltlich passt nur in die Dehnungsphase, was das Pferd stressfrei abrufen kann.

Es fällt leichter, sich konkrete Ziele vorzunehmen, anstatt ganz allgemein zu planen, abwechslungsreich mit häufigen Übergängen, Handwechseln und Wechseln zwischen ganzer Bahn und Zirkel zu reiten. 

Nehmen Sie sich je nach Ausbildungsstand des Pferdes und Arbeitsphase lieber vor, nicht länger als eine komplette (oder eine halbe) Bahn dasselbe zu machen. Ewig langes Herumscheuchen im Trab und langes Abgaloppieren stumpft Ihr Pferd nur ab, macht es müde und unlustig. Abwechslungsreiches, aber nicht überforderndes Reiten in der Lösungsphase hält es wach und aufmerksam, erwärmt es, ohne es zu überfordern. 

In der klassischen Reiterei gehört das Schulterherein, „die Mutter aller Seitengänge“, als wichtiges Element zu jeder dressurmäßigen Arbeit. Unabhängig von der gewählten Reitweise sollten Übungen geritten werden, die Bewegungen vorwärts und seitwärts kombinieren. Diese biegen das Pferd sanft, wobei eine Biegung zu diesem Zeitpunkt immer als Dehnung einer Körperhälfte unter Anspannung der anderen zu verstehen ist. 

Zusätzlich warten diese Lektionen mit weiteren, positiven Effekten auf: Durch das gleichzeitige Vorwärts wie Seitwärts wird sowohl die Hinterhand einseitig animiert, weiter unter den Schwerpunkt zu treten als auch jeweils eine Schulter angehoben. 

Beide Elemente sind zum Ende der Lösungsphase geeignet, das Pferd nun allmählich aus seiner gedehnten Haltung aufzurichten und in einen Zustand zu überführen, der gemeinhin als Versammlung bezeichnet wird, wobei jede Reitweise davon eine eigene Vorstellung hat. 

Im Gelände gilt sinngemäß dasselbe: Abwechslung macht dem Pferd Spaß, fördert es, hält es wach und aufmerksam und übt es. Da im Gelände oft wenig Gelegenheit für das Reiten auf gebogenen Linien besteht, kommt der Linienführung und dem Handwechsel eine besonders große Rolle zu. Üben Sie die Beweglichkeit des Pferdes auf breit angelegten Wegen durch Schlangenlinien und bewusst gerittene Handwechsel und reiten Sie besonders häufig Lektionen, die Vorwärts – und Seitwärtsbewegungen miteinander kombinieren.

Hoch das Bein!

Stangenarbeit kann eine wertvolle Hilfe beim Reiten in die korrekte Dehnung sein. Beim Überschreiten von Trabstangen wird das Pferd die Nase meist von sich aus tief nehmen, die Beine gut anheben, den Rücken aufwölben und die Bauchmuskulatur aktivieren. Oft gelingt es, mit Trabstangen auf einer Zirkellinie auch stark verspannte Pferde mit ungünstiger Oberlinie wieder in die Dehnung zu führen. Dazu werden vier bis fünf Stangen so auf der offenen Zirkelseite ausgelegt, dass ihre Abstände genau auf der Zirkellinie dem natürlichen Trabschritt des Pferdes entsprechen. Der Reiter kann dann fallweise genau dort, mal weiter innen, mal weiter außen anreiten, um so die Schritte mal kürzer und erhabener, mal länger und flacher werden zu lassen. Über den Stangen macht der Reiter sich im Sattel leicht und geht mit den Zügelhänden bei erhaltenem Kontakt in Richtung Pferdemaul vor, um eine Dehnung zu ermöglichen und zu unterstützen. Auch an der Longe kann der Einsatz von Trabstangen hilfreich sein. In jedem Fall ist darauf zu achten, das Pferd nicht zu ermüden – Stangenarbeit ist besonders anstrengend -  da es sich sonst (erneut) verspannt. 

 Abschluss und Übergang

Reiten Sie auch, aber nicht nur nach der Uhr. Teilen Sie sich die Trainingszeit gut ein und achten Sie darauf, Ihr Pferd in der ersten Phase zwar gründlich aufzuwärmen, aber nicht wirklich zu fordern und auf keinen Fall zu ermüden. Sollten Sie während einer angemessenen Zeit nicht zu einem gelösten, entspannten Zustand kommen, überspringen Sie die Arbeitsphase und beenden mit der Entspannungsphase die Trainingseinheit. Struktur, ja, aber sklavisches Festhalten an Vorgaben, nein. Maßgeblich sind immer die Tagesform und der aktuelle Ausbildungsstand des Pferdes. Sie sind zufrieden, wenn Ihr Pferd

  • auf beiden Händen taktklar, sauber, mit Schub und gelöst (Schweif pendelt, Rücken schwingt, Pferd kaut ab, Kopf und Hals in eher tiefer Haltung)
  • alle Hilfen gut annimmt und umsetzt,
  • dabei abschnaubt und
  • Sie selbst gut zum Sitzen kommen.

Nun sind Sie beide bereit für größere Aufgaben!

Angelika Schmelzer