Zeitgemäßer Tierschutz

 

Tierschutz im Wandel der Zeit

Tierschutz hat in Deutschland eine lange Tradition. Schon 1871 wurden im ehemaligen „Reichsstrafgesetzbuch“ Ansätze zum Tierschutz formuliert. Mit der Verabschiedung des „Reichstierschutzgesetzes“ im Berliner Reichstag trat dann 1933 das erste echte Tierschutzgesetz der Welt in Kraft. Allerdings ging es hier um politisch ideologischen Missbrauch, der vor allem der Nazi Propaganda und nur vordergründig dem Tierschutz diente. Die sich überwiegend in jüdischem Besitz befindliche Pharmaforschung und damit verbundene Versuchstierhaltung war ein willkommenes Ziel semitischer Diskriminierung.

Wissenschaft bedingt Tierschutz

Im Rahmen der vor allem durch den Tierforscher und Journalisten Horst Stern (Sterns Stunde, So verdient man sich die Sporen) angeregte öffentliche Tierschutz-Diskussion wurde 1972 ein neues Tierschutzgesetz erarbeitet. Dieses basierte vor allem auf den Erkenntnissen wissenschaftlicher Forschung. Bis heute sind die positiven Folgen z.B. in der modernen Pferdehaltung sichtbar. Der Begriff „artgerechte Haltung“ wurde zur neuen Richtlinie in Stallbauten und Haltungseinrichtungen. Dass seit 2002 der Tierschutz in Deutschland im Grundgesetz verankert ist und Deutschland damit das erste Land der Europäischen Union ist, in dem Tierschutz Verfassungsrang erhielt, unterstreicht einmal mehr die Bedeutung des Tierschutzes hierzulande. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Tierschutz ganz unterschiedliche Ansätze haben kann. Aber ob politisch motiviert, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierend oder auf gesellschaftlichem Umdenken und Emotionen beruhend, die Gesetze reflektieren den Zeitgeist und die Stimmung der Bevölkerung.

Tierschutz im gesellschaftlichen Wandel

Heute leben wir in einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen mit (Nutz)-Tieren aufwachsen. Die „Basis–Erfahrung“ im Umgang mit ihnen und das Verhalten ihnen gegenüber wird nicht mehr „selbstverständlich“ erlernt. Vermenschlichungen, z. T. alles andere als art- und tiergerecht, sind häufig die Folge So ist die Boxenhaltung zwar „artgerechter“ als die früher weit verbreitete Ständeraufstallung. Verbringt ein Pferd aber ganze Tage in einer Box und hat nicht mindestens täglich stundenweise Auslauf zur freien Bewegung, kann diese zu Kolikanfälligkeit oder Erkrankungen des Bewegungsapparates führen. Viele Pferde bekommen keinen Freilauf, weil ihre Besitzer die Verletzungsgefahr scheuen. Umgekehrt verletzt sich ein Pferd umso schneller, wenn es nie lernen konnte, auf „sich aufzupassen“.

Kompetenz des Halters ist gefragt

In allen Bereichen zeigt sich letztendlich immer, dass die Kompetenz der Halter über Wohl oder „Weh“ seines Schützlings entscheidet. Viele Umgangsfehler entstehen durch Unwissen, Gewohnheit, falsche Vorbilder oder auch falschen sportlichen Ehrgeiz. Verantwortungsvolle Reiter und Trainer sollten sich zunächst umfassend mit der Biomechanik, Physiologie und Ethologie vertraut zu machen, um die Leistungsgrenzen ihrer Schützlinge nicht zu überschreiten und diese nicht zu überfordern. Mit entsprechend fundiertem Hintergrundwissen würden einige Bilder wie z. B. das reitdisziplin-übergreifende „Überflexen“ vielleicht erst gar nicht entstehen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass beim „Overflexing“ keine Dehnung des Nackenbandes, sondern Mikroläsionen in diesem entstehen. Diese sind für das Pferd schmerzhaft und haben keinerlei gymnastizierenden Effekt. In Anbetracht von aktuellen Gerichtsurteilen (siehe QHJ 7/12 Zukunftsthema Tierschutz) muss auch die Frage gestellt werden, ob eine Gesellschaft, die den Tierschutz als ein Staatsziel in ihre Verfassung aufgenommen hat, eine solche Reitweise akzeptieren will und kann. Im Gegenzug dazu ist aber nicht jedes Pferd, das unter seinem Reiter nass geschwitzt ist, automatisch überfordert. Bedenkt man, dass ein Pferd seine gesamte Körperwärmeregulation über die Haut regelt, wird schnell klar, dass die Schweißproduktion beim Pferd ein Teil intensiver Thermoregulation ist. So muss ein vielleicht gut gemeintes Eindecken der Pferde vor einem Transport bei hohen Außentemperaturen als nicht pferdegerecht angesehen werden, da das Pferd dann nicht mehr in der Lage ist, seine Körpertemperatur ausreichend zu regulieren.

Stete Aufklärung notwendig

Besonders für Menschen ohne Erfahrung in der Haltung und im Umgang mit Tieren ist es verständlicherweise manchmal schwer, Tierschutz zu objektivieren. Hier sind auch Medien und Verbände gefordert, aufzuklären, zu informieren und zu handeln. Die AQHA hat mit dem Einsatz von speziell geschulten Stewards, die besonders auf tierschutzrelevante Regeleinhaltung auf Turnieren achten, eindeutige Signale gesetzt. Routinemäßige und anlassbezogene Medikationskontrollen und die Einschränkung auf turnierkonforme Ausrüstung auf Turnieren sind eindeutige Zeichen von Veranstaltern und Verbänden, dass der Tierschutz sehr ernst genommen wird. Ein Turnier ist aber auch ein Wettkampf, auf dem Mensch und Tier ihre körperliche Leistungsfähigkeit beweisen müssen und entsprechend auch gefordert werden. Siegreiche Tiere gehen vermehrt in die Zucht, und somit sind Turniere ein wichtiger Teil der züchterischen Selektion und haben großen Anteil am Zuchtfortschritt und nicht zuletzt an der hohen Qualität der heutigen Pferde.

Balance ist wichtig

Tierschutz ist also ein ständiges Abwägen zwischen Erfahrung, Fakten und Emotionen. Die Grenze zwischen dem Respekt vor dem „Mitgeschöpf Tier“ und der „tierischen Vermenschlichung“ verschwimmt immer mehr. Beim Zukunftsthema Tierschutz sind wir alle gefordert, die richtige Balance zu finden, im Interesse von uns und dem Pferden. Dr. Bärbel Klein/Markus Rensing Foto Guni